„Soziales geht nur freiberuflich!“ Die Journalistin Insa van den Berg geht ihren eigenen Weg.

Die Journalistin Insa van den Berg lebt und arbeitet in Leipzig.

Die Journalistin Insa van den Berg lebt und arbeitet in Leipzig.

Sie hat ihren festen Redakteursjob gekündigt, um freiberuflich ihre Themen verfolgen zu können: Die Journalistin Insa van den Berg aus Leipzig schrieb schon immer besonders gerne über soziale Themen, das Alter und die Gesundheit. In Allround-Redaktionen kam sie sich damit oft ziemlich exotisch vor. Weshalb? Ein Interview

Frau van den Berg, aus Ihrer Entscheidung, Ihre Festanstellung zugunsten sozialer Themen aufzugeben, könnte man den Schluss ziehen, dass die in Redaktionssitzungen nur geringen Stellenwert haben. Warum ist das so?

Das wüsste ich selbst gerne. Wenn man nach den Reaktionen der Leser geht, müsste es anders sein – die setzen sich nämlich meiner Erfahrung nach ganz intensiv mit solchen Beiträgen auseinander. Rückblickend habe ich auch von meiner Redaktion für den größten Teil meiner Beiträge positives Feedback bekommen, à la: Ach, das war doch jetzt eine gute Geschichte. Und trotzdem: Wenn ich ein neues Thema anschnitt, hatte ich oft wieder das Gefühl, das sei jetzt nicht erwünscht.

Sind Sie in Ihrer Redaktion angeeckt?

Ja. Letztlich sind wir im Guten auseinandergegangen; es gab auch keine offenen Affronts. Aber ich musste für mein Themenspektrum ziemlich kämpfen. Meine Texte wurden immer und immer wieder geschoben. Und es kam schon auch mal der Hinweis: Willst Du nicht lieber mal was Hübsches machen?

Mit Gegenmeinungen muss man in Redaktionen leben können…

Das ist ja prinzipiell auch völlig in Ordnung. In einer Festanstellung muss man ganz klar auch solchen Aufträgen nachkommen. Aber das Soziale ist eben tatsächlich mein Steckenpferd. Wenn man etwas mit Herzblut tut, kann man es meist auch am besten. Und da ich die Freiberuflichkeit ohnehin schätze, war sie die logische Konsequenz für mich. Ich kann jetzt an den Themen arbeiten, die ich für wirklich notwendig halte.

Der Tenor in der Redaktion: „Wir wollen keine Betroffenheitsberichte“

Fanden die anderen Redakteure Ihre Texte zu kritisch? Oder gingen die Argumente eher in die Richtung: Alles schon gehört?

Weder, noch. Ich wiederhole mich nämlich sehr ungern (lacht). Der Tenor war eher: Wir wollen hier keine Betroffenheitsberichterstattung.

Funktionieren soziale Themen denn nur mit der Betroffenheitsmasche?

Nein! Ich bitte sehr darum, sie vielseitiger darzustellen und einen Nutzwert zu liefern. Klar sind einzelne Schicksale wichtig, um in ein Thema einzutauchen. Klar, dass ich auch als Sprachrohr fungieren und die Leser sensibilisieren muss. Aber ich will nicht ausschließlich über Betroffenheit argumentieren, denn schließlich mache ich keine Minderheitenberichterstattung. Im besten Fall soll eine breite Mehrheit von meinen Texten profitieren. Etwa, indem sie sich mit einem Thema auseinandersetzt, das ihr zuvor noch nicht untergekommen ist. Oder indem sie den Blickwinkel öffnet und feststellt: Dieses Problem kam mir immer so abstrakt vor, aber eigentlich kann mir das auch passieren. Wie handle ich dann, wo hole ich Hilfe? Oder: Dieses Thema ist mir schon begegnet, aber ich wusste nicht so recht, wie ich damit umgehen sollte…

Zum Beispiel?

„Sternenkinder“. Ich habe über Eltern berichtet, die ihr Kind im Mutterleib verloren haben und die ganz stark um die Anerkennung ihrer Elternschaft kämpfen. Die sagen: Unser Baby ist zwar tot auf die Welt gekommen, aber für uns ist es trotzdem unser Kind und wir haben dennoch den Status Mama und Papa. Und sie wollen nicht hören: Ach, ist doch nicht so schlimm, Du kannst doch noch ein zweites Kind bekommen. Da kamen gleich mehrere Rückmeldungen von Nicht-Betroffenen, die sagten: Jetzt verstehe ich meine Bekannte aus dem entfernten Freundeskreis, jetzt weiß ich, weshalb es auf Friedhöfen diese besonderen Gräber für Kinder gibt, auch wenn ihre Eltern sie nie kennengelernt haben.

Es gibt Leser, die sich verstanden fühlen. Und die, die sagen: „Endlich verstehe ich dieses Problem!“

Wie reagieren die Leser denn noch auf soziale Themen?

Es gibt einerseits eben die Nicht-Betroffenen, die bekennen, dass sie jetzt erst merken, was für ein wichtiges Thema das ist und die nun erst verstehen, warum eine Person so oder so handelt. Andererseits gibt es die Betroffenen, die sich abgeholt fühlen. Typisch dafür ist der Satz: Wie lange habe ich mir schon einen Beitrag zu diesem Thema gewünscht! Oder: Endlich ist das einmal so dargestellt, wie ich es meinen Freunden schon lang sagen will – jetzt habe ich etwas schwarz auf weiß, damit kann ich meine Sichtweise untermauern.

Kann man solche Nachrichten und Leserbriefe nutzen, um für soziale Themen zu argumentieren?

Ich finde schon, denn ich habe wahnsinnig viele und überwiegend positive Leserbriefe, Mails und Anrufe bekommen – und wenn es mal nicht positiv war, ging es direkt ins andere Extrem. Genau das will ich als Journalistin erreichen, dass eine Auseinandersetzung stattfindet. Absurderweise hat das in meinem Fall aber nicht unbedingt dazu beigetragen, dass diese Themen in der Redaktion als so wichtig anerkannt wurden.

Dann bringt es nichts, Leser zu solchen Reaktionen zu ermutigen, um soziale Themen in den Medien zu befördern?

Vielleicht doch. Ich habe darauf bislang jedoch noch keine zufriedenstellende Antwort gefunden. Denn in vielen Redaktionen, die ich kenne, geht die Praxis in meinen Augen am Publikum vorbei. Ich meine: Wenn solche Rückmeldungen kommen, wie kann man dann der Meinung sein, dass die Themen nicht von Belang sind? Wenn man sich die Nutzerdaten ansieht, gerade von Printprodukten mit einer eher älteren Leserschaft, dann ist es doch umso naheliegender, sich intensiver mit Themen wie „Leben im Alter“ oder der Pflegeversicherung auseinanderzusetzen und nicht nur ab und zu an der Oberfläche zu kratzen.

„Ich denke, dass die Themen viel Platz brauchen, um in die Tiefe zu gehen.“

Es ist doch kurios: Viele Journalisten aus diesem Bereich sagen wie Sie, dass soziale Themen vielfältig aufbereitet werden können. Und gleichzeitig berichten sie von Vorbehalten der Redaktionen, die soziale Themen mit Betroffenheitsberichterstattung gleichsetzen…

Ich glaube, es steckt viel Angst dahinter: Die Angst, Leser zu verlieren, Leser zu verprellen, und auch die Angst, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die nicht immer so ganz schick und hei-ti-tei sind. Manchmal habe ich allerdings auch ein bisschen das Gefühl, dass diese Entscheidungen von Leuten getroffen werden, die nicht mehr ganz so nah am Alltag dran sind.

Der Redakteur im Elfenbeinturm? Der Mittelschichtsredakteur Mitte 50 mit Doppelhaushälfte und Zweitwagen, der für Gleichgesinnte schreibt?

Ja. Es ist nur eine Vermutung. Aber ich habe das Gefühl, dass in Redaktionen oft gar nicht mehr nach rechts und links geschaut wird. Da bleibt nur noch die eigene Lebenswelt als Vergleichsmaterial dafür, was interessant ist. Und wenn wir mal ehrlich sind: Viele festangestellte Redakteure sind schon ziemlich lang im Geschäft. Sie sind gut situiert. Für uns nachfolgende, jüngere Journalisten gilt das nicht mehr unbedingt. Vielleicht wollen wir deshalb auch andere Themen setzen.

Manche Medien sagen: Wir machen doch schon so viel Soziales, aber die Leser merken es nicht. Ist das eine Besonderheit von sozialen Themen, dass sie schnell untergehen? Bräuchte es immer drei Artikel zu einem Thema, damit es ankommt?

Wenn Sie da die Ankündigung für ein Seniorenfest mitzählen, ist für mich klar, dass das nicht als Sozialberichterstattung wahrgenommen wird. Ich denke, dass diese Themen Platz brauchen, mehr Chancen, in die Tiefe zu gehen. Wenn sie diesen Raum bekämen, würden sie auch wahrgenommen.

Insa van den Berg

Bild: Kristen Stock

Insa van den Berg hat immer viele Leserbriefe bekommen – trotzdem kam sich in manchmal richtig exotisch vor, wenn sie in der Redaktionskonferenz ein neues „soziales“ Thema vorschlug. Die 33-jährige ist Journalistin, Dozentin und Diplom-Sozialwirtin. Vor der Gründung ihres Redaktionsbüros war sie Politikredakteurin und Reporterin bei der Leipziger Volkszeitung. Ihre Schwerpunktthemen sind Sozialpolitik, insbesondere Gesundheit, Alter. Außerdem hält sie Seminare zum journalistischen Schreiben, schult unter anderem Mitarbeiter gemeinnütziger Organisationen in ihrer Pressearbeit. Zur Homepage

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