Wie kann ich Mitleid und Klischees in Sprache und Bildern vermeiden?

Profilfoto_LilianMasuhr

Werden meine Klienten stigmatisiert, wenn ich sie für eine Story an Journalisten vermittle? Das fürchten viele Sozialarbeiter – und lehnen Presseanfragen ab. Doch es gibt Möglichkeiten, das zu vermeiden. Lilian Masuhr vom Portal Leidmedien.de erklärt, wie es gehen kann.

Frau Masuhr, mit dem Portal www.leidmedien.de geben Sie Journalisten Tipps, wie sie klischeefrei über Menschen mit Behinderung berichten, also wie sie ihre Arbeit richtig machen können. Verstehen manche das als Affront?

Natürlich ist das ein sensibler Punkt, denn die Unabhängigkeit von Journalisten besteht ja darin, dass sie sich nicht zu sehr in ihrer Arbeit beeinflussen lassen. Trotzdem sind die meisten sehr dankbar für unsere Hinweise. Jeder weiss, dass Inklusion ein aktuelles Thema ist. Es herrscht aber auch grosse Unsicherheit: Welche Begriffe nehme ich, welche lasse ich besser weg? Wie sollte die Tonalität eines Beitrags sein, was im Vordergrund stehen? Dafür bieten wir Lösungsansätze. Vermutlich werden wir deshalb als hilfreich wahrgenommen und nicht als Meckerportal.

Negative Reaktionen gibt es also nicht?

Na ja, wenn wir in Redaktionen Workshops geben, kommt es schon vor, dass jemand hinterher sagt: “Jetzt bin ich total verunsichert, was kann ich überhaupt noch schreiben?” Oder: “Das ist viel aufwändiger, als ich dachte.” Weil sich ja das Denken ändert.

Wie ändert es sich?

Indem man “Mensch mit Behinderung sagt” statt “Behinderter” oder “gehörlos” statt “taubstumm”. Wir gehen aber auch über die Sprache hinaus und regen zum Beispiel an, dass man auf Augenhöhe fotografiert, auch mal in neuen Kontexten. Nicht immer nur im Reha-Kontext, sondern zum Beispiel mal in einem kulturellen Umfeld. Oder dass ich mir den Protagonisten für mein Interview nicht in der Behindertenwerkstatt suche, sondern auf dem ersten Arbeitsmarkt. Das verändert viel in den Köpfen. Und ist für manche Journalisten anstrengend, denn so weit sind wir in Deutschland noch nicht.

Wer holt die “Leidmedien” für solche Schulungen zu sich?

Schülerzeitungen, Volontärschulen, Lokalredaktionen, Fernsehsender für Kindersendungen… in der Regel machen wir keine Akquise, sondern werden angefragt – auch über private Kontakte. Wir “Sozialhelden” sind alle Medienmacher, aus Grafikdesign, PR und Journalismus. Manche haben eine Behinderung, andere nicht. Und wir sind ganz vielfältig aufgestellt, gehen auf Konferenzen oder jemand von uns hält mal einen Vortrag an der Universität.

Auf Ihrer Seite lassen Sie zum Beispiel “Das Jenke Experiment” kommentieren, das auf RTL läuft – ein Format, in dem der Reporter “an seine Grenzen” geht und zum Beispiel einen Tag lang Rollstuhl fährt.

Genau. Wir schauen immer, welche Medienbeiträge es zurzeit gibt, und regen dann an, auf Social Media darüber zu diskutieren. Natürlich sehen wir uns nicht als letzte Entscheidungsinstanz. Es gibt vielfältige Meinungen, aber natürlich auch Tendenzen. Die Ursprungsidee der Leidmedien ist, dass Menschen mit Behinderung zu Wort kommen: Wie sehen wir uns in den Medien präsentiert – und was wünschen wir uns an Neuem?

hilfe

Die Leidmedien sind nicht die einzige Institution, die sich mit Formulierungsempfehlungen an Journalisten richtet. Im letzten Jahr gab es zum Beispiel eine “Kinderbuchdebatte” – da ging es um Begrifflichkeiten, die Schwarze Kinder und Erwachsene in Deutschland beschreiben. Viele Medien haben die Debatte brüsk abgelehnt und die kritisierten Begriffe mit einem gewissen Trotz erst recht verwendet. Was war anders, als bei den Leidmedien, die mit dem Thema Behinderung offenbar ganz gut ankommen?

Woran es liegt, dass viele die neuen Begriffe über Menschen mit Behinderungen als Tipp annehmen, statt sich ihnen zu verweigern, wie es oft bei Menschen mit Migrationshintergrund passiert? Da kann ich nur vermuten. Die Gemeinsamkeit liegt sicher in Berührungsängsten aufgrund mangelnden Kontakts. Bei Menschen mit Behinderungen kann man diese Unsicherheit vielleicht leichter überwinden, weil man als nicht behinderter Mensch dazu lernen will, vielleicht aus Neugier oder empfundenen Mitleid.

Eine Parallele ist, dass in dem Zusammenhang auch viele verunsichert waren: Was darf man noch sagen? Schwarz, weiss, farbig – was ist richtig? Auch “Migrationshintergrund”, “Ausländer” und “Einwanderer” sind teils verpönte, verwirrende Begriffe. Dass man “Mensch mit Behinderung” sagt, scheint sich in Deutschland hingegen durchgesetzt zu haben…

Nee! Was ich in Workshops oft zuallererst höre, ist immer noch: Darf ich eigentlich “behindert” sagen?

Was antworten Sie?

Ja, natürlich! Es ist einer der neutralsten Begriffe, die es gibt. Allerdings sind ja Menschen nicht einfach nur behindert, sondern sie werden auchdurch Barrieren in ihrer Umwelt (wie Treppenstufen für Rollstuhlfahrer, Vorurteile in den Köpfen) daran gehindert am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Im Gegensatz zu „Behinderung“ ist der oft als modern empfundene Begriff “Handicap” zum Beispiel gar nicht so geeignet. Viele Leute finden den Begriff gut, weil er so englisch-locker klingt, an den Golfsport erinnert. Aber “handicap” ist im Englischen total verpönt, weil es ja “cap-in-hand” (Hand in die Kappe) bedeutet und dadurch Behinderung mit Betteln assoziiert wird.

Was braucht es, damit die “richtigen” Begriffe sich durchsetzen – beziehungsweise überhaupt eine faire Debatte darüber entsteht?

Nochmal in Bezug auf die Kinderbuchdebatte: Ein Projekt der Neuen Deutschen Medienmacher könnte man als Pendant zu Leidmedien.de verstehen: Hier werden neue und alte Begriffe über Menschen mit Migrationshintergrund diskutiert. Ich könnte mir aber vorstellen, dass zum Beispiel Schwarze in Deutschland einfach nicht so sichtbar sind, wie Menschen mit Behinderung. Dass die sich sichtbar machen konnten, dabei hat auch die UN-Behindertenrechtskonvention geholfen. Das ist ein aktueller Aufhänger – also ein Grund, auch über die Sprache nachzudenken.

Wollen Sie Sozialarbeiter auch für Begrifflichkeiten sensibilisieren?

Ja. Auch da müssen wir ganz sensibel sein: Wir wissen, dass viele Leute seit Jahren gute Arbeit machen – und dann kommen wir und sagen: “Denk mal über deine Sprache nach!” Aber trotzdem: Ja! Zur Zeit beschäftigen wir uns damit, wie Menschen mit Behinderung in der Werbung und auf Plakaten dargestellt werden. Da geht es oft um gute Zwecke – und dennoch werden behinderte Menschen als Opfer dargestellt, für die man spenden muss. Da kann man auch mal anfangen, umzudenken.

Profilfoto_LilianMasuhr

Lilian Masuhr hat erst ein paar Semester Medizin studiert, wechselte dann aber zu den Kulturwissenschaften und Französischer Philologie und ist schliesslich Reporterin und Moderatorin geworden. Zusammen mit dem Buchautor und “Aktivisten für Barrierefreiheit” Raul Krauthausen, den die 29-Jährige bei Radio Fritz kennen gelernt hat, hat, kam die 29-Jährige zum Sozialhelden e.V. Dort leitet sie das Portal www.leidmedien.de

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