Der Studiengang Sozial- und Gesundheitsjournalismus in Magdeburg-Stendal will Journalisten für soziale Themen sensibilisieren

"Die Rückkehr des Jakob Winter"

Mit seinen Kollegen hat der Sozialarbeitsprofessor Titus Simon den Master Sozial- und Gesundheitsjournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal ins Leben gerufen. Knapp 50 Absolventen haben ihn schon abgeschlossen und gehen in die Praxis. Ein Interview über die Geburtswehen eines Studiengangs und das Aufeinanderprallen von zwei Fachkulturen.

Herr Simon, Sie haben den Masterstudiengang Sozial- und Gesundheitsjournalismus initiiert. Wie kam es dazu?

Ich will mir das nicht allein auf die Fahne schreiben – das hatte mit der Umstrukturierung unserer Studiengänge im Bologna-Prozess zu tun. Weil das Land Sachsen-Anhalt den relativ schnell vorantrieb, standen auch wir früh vor der Frage: Welche Masterstudiengänge bieten wir an? Da es an unserer Hochschule neben der Sozialen Arbeit auch den Fachbereich „Kommunikation und Medien“ gibt, kam die Idee auf, auch einen fachübergreifenden Masterstudiengang anzubieten. Das hat bis heute einen gewissen Charme.

Geht es um Fachjournalismus? Um Wissenschaftskommunikation oder um kommunikative Öffentlichkeitsarbeit?

Ursprünglich stand der Fachjournalismus stark im Vordergrund – also die Frage, wie die Soziale Arbeit ihre schwierigen Themen besser platzieren kann. Mittlerweile sind aber auch die Gesundheitsmanager mit im Boot, deren Themen „am Markt“ ein bisschen besser laufen. Zudem haben wir in diesem Masterstudiengang zwei Professoren, die stark im Bereich Crossmedia und PR engagiert sind – das Konzept hat sich daher stärker in die Richtung gedreht, Leute für die Öffentlichkeitsarbeit von Verbänden zu qualifizieren.

Wie viele Studenten haben Sie pro Jahrgang?

Mittlerweile ist die Sache aufgeblüht: Jetzt sind es 18. Der erste Jahrgang war grenzwertig, da hatten wir vier Studenten. Eigentlich hätten wir gar nicht starten dürfen. Im zweiten Jahrgang hatten wir sogar noch weniger: Drei Freundinnen aus dem Fachbereich Gesundheitsförderung. Für mich – ich war damals intensiv in der Lehre – war das recht anstrengend. Wir haben sehr viele Blockveranstaltungen in dem Studiengang, und mit dreien ist das etwas ganz anderes, als vor 100 Studenten zu referieren. Mittlerweile haben wir mehr Erfahrung damit, wie viele Studenten den Master tatsächlich abschliessen. Und wir wissen auch, dass sie sich oft bei mehreren Hochschulen bewerben. Anfangs haben wir zu schnell Absagen verschickt – aber ein Teil der zugesagten Plätze wurde gar nicht angenommen, weil die Interessenten sich doch für einen anderen Master entschieden.

Sozial- und Gesundheitsjournalismus studieren – und dann? Karriereweg einer Absolventin

Kommen die Studierenden eher aus dem sozialen Bereich oder aus dem Journalismus?

Das ist unterschiedlich. In einem Jahrgang hatten zwei Drittel vorher einen journalistischen Bachelor gemacht. Es wirkt sich aber oft auf das Studium aus, aus welchem Bereich jemand kommt: Diejenigen mit journalistischer Erfahrung sind auch oft freiberuflich als Journalisten tätig und studieren eher nebenher. Da diese Jobs sehr zeitaufwändig sind, verschleppen einige dann ihr Studium. Zudem sind die Journalisten oft viel pragmatischer, als die anderen Studierenden. Wenn man in dem Bereich erstmal drin ist, ist es manchmal gar nicht mehr so wichtig, so ein Fachstudium zu Ende zu führen.

Gibt es ein Interesse am Fachjournalismus in den grossen Medienhäusern?

So weit ich das verfolgen kann, kommen unsere Absolventen eher in journalistischen Nischen unter oder arbeiten als klassische Allroundjournalisten, anstatt dass sie Fachjournalisten für die wirklich grossen Medienbetriebe würden. Für uns ist das trotzdem ein Gewinn: So sind durch diesen Studiengang ein paar mehr Journalisten für soziale Themen sensibilisiert, können sie fundierter und qualifizierter angehen.

Gibt es auch Studierende, die keine journalistische Vorerfahrung haben?

Ja – aber die müssen im Rahmen einer Summerschool vorqualifiziert werden. Da gibt es Kamerakurse, werden technische Dinge gelehrt. In den ersten Jahren mussten wir ein wenig experimentieren – wenn sich nur sieben Leute anmelden, fällt so eine Summerschool flach. Aber unsere Studierenden haben das durchaus eingefordert und wir haben diese Dinge dann in kleineren Einheiten ins Studium eingestreut.

Welche Unterschiede sehen Sie zwischen den Studierenden, je nach Vorerfahrung?

Wir haben als Praxisprojekt mal einen Lehrfilm zum Thema Jugendhilfeausschuss gemacht: Diesen Prozess dominierten ganz klar die Journalisten unter den Studierenden. Die reden schneller. Sie sind kommunikativ überdurchschnittlich stark. Obwohl die Sprache ja auch das Medium von Sozialarbeitern ist – aber die sind wiederum oft zurückhaltender. Die Journalisten preschen voraus, die wollen ihr Produkt fertig kriegen – da kommt es auf die Inhalte manchmal weniger an (lacht). Dieses Projekt war sehr spannend. Der Film wurde dann als Werbemittel für den paritätischen Bundesverband eingesetzt.

Da prallen zwei Kulturen aufeinander?

Ja, in gewisser Weise. Unsere Absolventen sind alles taffe und tolle Leute. Aber die Journalisten unter ihnen sind eben mehr an einer guten Medien-Mache interessiert, als an wissenschaftlichen Fragestellungen. Manchmal dachte ich schon: Hoppla, da müsste man doch jetzt genauer hinsehen. Diese Gestaltungsgeschwindigkeit haben die Sozialwissenschaftler nicht. Die wiederum müssen für die Zulassung zum Master ein Qualitätszeugnis mitbringen, sind also durchaus reflektierte Wissenschaftler. Für die hat die wissenschaftliche, fachliche Vorabklärung stärkere Priorität, wenn sie Medienberichte erstellen. Allerdings muss ich sagen: Ich bin seit zwei Jahren nicht mehr in der Lehre. Mittlerweile sind die Studierenden-Gruppe grösser, da kann das ganz anders sein.

Wer ein wenig recherchiert, dem fällt schnell auf, dass es viele Forschungsgelder für Fachjournalismus in naturwissenschaftlichen, medizinischen Bereich gibt – aber nur sehr wenige für die Sozialwissenschaften. Woran liegt das?

Das kann ich nicht beurteilen, weil unser Studiengang anwendungsorientiert ist, und weniger forschungsorientiert. Das liegt auch daran, dass unsere Studierenden meistens in die Praxis wollen und sich bis jetzt noch keine Forschungsfrage aufgetan hat, bei der sich eine Kooperation oder Suche nach Forschungsgeldern angeboten hätte.

Dennoch: Gibt es keine Lobby für diese Themen oder braucht es keine, weil die Themen gut genug platziert sind?

Schauen Sie sich doch mal an, wie in den grossen Sozialverbänden Öffentlichkeitsarbeit gemacht wird. Da zählt so viel dazu – die Erzieherausbildung, die Altenpflege. Und trotzdem hat etwa das Diakonische Werk als grösster Sozialverband dafür nur eine hauptamtliche Stelle und ein halbes Sekretariat. Die Frage stellen wir uns natürlich auch: Ist es überhaupt realistisch, dass unsere Absolventen dort hinein kommen? Viele Verbände wissen, dass sie eine altbackene PR machen – und ändern trotzdem nichts. Es war eine interessante Erfahrung für mich, als ich eine Zeitlang Öffentlichkeitsarbeit beim NABU machte: Da hatte in einer kleinen Landesgeschäftsstelle immerhin die Hälfte der Belegschaft mit Akquise, Kampagnen und PR zu tun. Aus der Sozialen Arbeit kannte ich das nicht.

Titus Simon hat den Masterstudiengang Sozial- und Gesundheitsjournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal mit begründet

Titus Simon (60) hat sich bemüht, seine „letzten Berufsjahre etwas blumiger zu gestalten“: Der Sozialarbeitsprofessor ist an der Hochschule Magdeburg-Standal beurlaubt, hat eine Gastprofessur an der Hochschule St. Gallen inne und ist Krimiautor. In der Lehre taucht er – unterstützend und bei Personalengpässen – dennoch immer wieder auf. Demnächst erscheint sein Roman mit dem Arbeitstitel „Kirmeskind“. Es geht darin um den Adoptionszwang für ledige Mütter, den Simon in seinem Amtspraktikum in den 70er-Jahren selbst noch miterlebte. Der gebürtige Backnanger ist auch Journalist: Nach 14 Jahren im Jugendhaus absolvierte er ein einschlägiges Aufbaustudium und machte Öffentlichkeitsarbeit für den NABU Baden-Württemberg gemacht.

Zur Homepage von Titus Simon

Zum Studiengang Sozial- und Gesundheitsjournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal

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