Sonja Enders: „Jugendämter brauchen aktive Pressearbeit“

sonja enders das Jugendamt im Spiegel der Medien

Sonja Enders hat für ihre Doktorarbeit fast 2000 Zeitungsartikel mit dem Schlagwort „Jugendamt“ analysiert – und damit den Kinder- und Jugendhilfepreis 2014 in der Kategorie „Theorie und Wissenschaft“ gewonnen. Eine ihrer Erkenntnisse: Medien berichten viel öfter positiv, als es die Mitarbeiter von Jugendämtern wahrnehmen. Dennoch sagt die Erziehungswissenschaftlerin: Jugendämter brauchen eine aktivere Öffentlichkeitsarbeit. Weshalb? Ein Interview.

Frau Enders, blicken wir zurück: Vor drei Jahren haben Sie eine Doktorarbeit vorgelegt, in der sie 1867 Artikel aus regionalen und überregionalen Medien aus dem Zeitraum 2006 bis 2008 analysierten. Ihre Forderung: Jugendämter sollen aktivere PR betreiben. Was genau ist das Problem?

Der Ausgangspunkt für meine Arbeit war der „Fall Kevin“ – ein dramatischer Einzelfall, in dem ein Junge getötet im Kühlschrank seines Ziehvaters gefunden wurde. Sehr viele Medien haben darüber berichtet, und immer neue Details kamen ans Licht. Es ging unter anderem darum, dass viele Jugendämter zu schlecht ausgestattet sind und waren, um Gefährdungsmeldungen nachzugehen. Diese öffentliche Kritik veränderte vieles: Es gab in den Jugendämtern deutliche Personalaufstockungen und das gesamte Meldeverhalten der Bevölkerung hat sich sensibilisiert. Heute passen mehr Menschen auf, was in der Nachbarschaft passiert, und sie rufen öfter beim Jugendamt an.

Das ist doch eine positive Veränderung – durch die Kritik von Journalisten!

Ja. Allerdings wurde aus Sicht der Mitarbeiter von Jugendämtern zu diesem Zeitpunkt auch ein sehr negatives und undifferenziertes Bild der Jugendämter in der Öffentlichkeit gestärkt. Sie traten in diesen schlimmen Einzelfällen oft nur noch passiv auf – als das „schuldige Amt“ oder das „Amt das nichts tut“. Die Jugendamtsmitarbeiter hatten das Gefühl, unter einem hohen, öffentlichen Druck zu stehen und nicht wertgeschätzt zu werden. Das war eine grosse Arbeitsbelastung.

Sie haben dann herausgefunden, dass 70 Prozent der Zeitungsartikel über Jugendämter tatsächlich nicht anprangern, sondern neutral oder positiv sind. Ist diese Botschaft in den Ämtern angekommen?

Es dringt durchaus in die Praxis und das ist spannend zu beobachten. Interessanterweise hat gleichzeitig die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die zu einem ähnlichen Ergebnis kam. Es wird also aus zwei Richtungen die Erkenntnis in die Fachöffentlichkeit getragen, dass Medien sich auch im positiven Sinne für die Jugendämter interessieren.

523_kita_prinzessinnen "Für das Jugendamt sind Kinder König" heisst es in der Kampagne "Das Jugendamt. Unterstützung, die ankommt". Bild: Stadt Recklinghausen
„Für das Jugendamt sind Kinder König“ heisst es in der Kampagne „Das Jugendamt. Unterstützung, die ankommt“. Bild: Stadt Recklinghausen

Hat sich die Öffentlichkeitarbeit der Jugendämter seither verändert?

Es ist schwer zu messen oder zu beurteilen, weil es seit meiner Promotion vor drei Jahren keine solche wissenschaftliche Aufarbeitung mehr gegeben hat. Letztendlich kann man sich nur gegenseitig austauschen und Beobachtungen festhalten. Dieser Austausch zwischen Jugendämtern findet aber definitiv statt: Mitte Juni war ich als Rednerin zu einer Veranstaltung innerhalb der Kampagne „Das Jugendamt. Unterstützung, die ankommt“ eingeladen.

Halten wir fest: Öffentlichkeitsarbeit wird in den Jugendämtern zu einem Thema?

Ja. Aber es ist noch ein langer Weg. Meine Empfehlungen zielen ja darauf, dass Öffentlichkeitsarbeit aktiv, professionell und etabliert stattfinden muss, wenn Jugendämter die vielen Herausforderungen und Schwierigkeiten meistern wollen, die sie in Bezug auf ihre Öffentlichkeit haben. Das ist noch lange nicht erreicht. Oft ist es auch personell nicht geregelt.

„Geregelt“ heisst, dass Jugendämter definieren, wer sich gegenüber der Presse äussern darf und welche Leistungen überhaupt öffentlich gemacht werden. Was ist daran so schwierig?

Es gibt enorme Unterschiede zwischen Jugendämtern. Mein Eindruck ist, dass viele Jugendämter sich aktiv und intensiv an die Medien wenden. Dort gibt es klare Regeln und Mitarbeiter, die wissen, dass sie für die Pressearbeit zuständig sind – weil es in ihrem Stellenprofil und im Stellenumfang berücksichtigt ist. Besonders kleinere Jugendämter machen die Pressearbeit oft nebenbei – immer dann, wenn sie es gerade wichtig finden. Das ist problematisch, weil im Allgemeinen Sozialen Dienst ohnehin schon über eine hohe Arbeitsbelastung geklagt wird. So ein Randthema wie die Öffentlichkeitsarbeit kommt dann zu kurz.

523_jugendamt_beratung_boch
Immer mehr Familien holen sich Beratung in Jugendämtern, so die Kampagne „Das Jugendamt. Unterstützung, die ankommt.“ Bild: Stadt Bochum

Was passiert, wenn Jugendämter keine Öffentlichkeitsarbeit machen?

Je passiver die Jugendämter sind, desto negativer fällt die Berichterstattung aus. Jugendämter stehen im öffentlichen Interesse, sie können nicht einfach entscheiden, keine Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Spätestens in Krisensituationen recherchieren Journalisten doch – und dann eben ausserhalb, wenn keine Kontakte bestehen. Dann sind die Jugendämter in der Situation, dass sie sich nur noch verteidigen dürfen.

Brauchen Journalisten die Sicht und die Expertise der Jugendämter denn überhaupt, um differenziert über sie zu berichten?

Ich nehme in verschiedenen Fachforen wahr, dass Journalisten durchaus daran interessiert sind, mit Jugendämtern zu sprechen und somit auch deren Perspektive einzubringen. Der Journalist Andreas Wenderoth hat zum Beispiel den Deutschen Kinder- und Jugendhilfepreis 2014 mit einer Reportage gewonnen: Er beschreibt differenziert, wie ein Jugendamt die Entscheidung trifft, ob ein Kind in seiner Familie bleibt oder herausgenommen werden muss. Es wird ganz klar, dass diese Entscheidung nicht pauschal getroffen wird und werden kann – und das ist doch eine wichtige Information für die Bevölkerung! Diese Reportage wäre aber fast daran gescheitert, dass Herr Wenderoth Dutzende Jugendämter anfragen musste, bis eins bereit war, ihn hereinzulassen. Ich würde mir wünschen, dass es in Zukunft weniger Ängste in den Jugendämter vor Journalisten gibt.

Warum braucht die Gesellschaft überhaupt bessere Informationen darüber, was Jugendämter tun?

Siebzig Prozent aller Zeitungsberichte sprechen von „dem Jugendamt“ – obwohl es in Deutschland fast 600 Jugendämter gibt, die sich in ihrer Struktur sehr unterscheiden. Meines Erachtens sollte bundesweit darüber aufgeklärt werden, was Jugendämter alles leisten, denn Umfragen ergeben immer wieder, dass viele Familien mit minderjährigen Kindern das nicht wissen. Aber das reicht nicht aus: Auch regional und vor Ort sollten die Jugendämter sich offensiv mit Informationen über ihre Besonderheiten und Schwerpunkte verhalten.

523_jugendamt_kita
Die Jugendämter tragen Verantwortung für Qualität und ausreichende Quantität von Kitaplätzen: Und somit auch für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Foto: Stadt Recklinghausen.

Was verbindet die 600 Jugendämter?

Das Kinder- und Jugendhilfegesetz, das 1990 verabschiedet wurde. Jugendämter sollen Kinder und Jugendliche auf verschiedene Weise fördern, beraten und schützen, damit sie sich positiv entwickeln können. Bemerkenswert ist, dass das Gesetz mit dem Prinzip verabschiedet wurde, dass die Jugendämter sich an den Lebenswelten ihrer Adressaten orientieren sollen. Dennoch hat es über 20 Jahre gedauert, bis die Kampagne „Das Jugendamt. Unterstützung die ankommt“ ins Leben gerufen wurde. Zum ersten Mal wird jetzt in „einfacher Sprache“ und in verschiedenen Fremdsprachen erklärt, was Jugendämter tun.

A propos Lebenswelt – Sie gehen in ihrer Promotion auf die schon etwas ältere Kritik eines anderen Wissenschaftlers ein: Das Jugendamt solle im Telefonbuch unter dem Buchstaben „J“ zu finden sein, und nicht unter „A“ wie „Amt für Jugend und Soziales“. Konnten die Jugendämter sich mittlerweile zu dieser Form von Nutzerfreundlichkeit durchringen?

Nein. Durch das Internet wird das vielleicht etwas leichter – aber es erscheint mir immer noch schwierig, die richtige Telefonnummer beim Jugendamt herauszufinden, wenn man beispielsweise in seiner Nachbarschaft bemerkt, dass ein Kind dringend Hilfe braucht. Und genau darum geht es ja: Die Notrufnummer der Polizei kennt jedes Kind. Genauso muss es sich einbürgern, beim Jugendamt anzurufen, wenn man als Familie Unterstützung braucht.

Vielleicht ist all das ja eine Kostenfrage. Wenn die Jugendämter ihre Leistungen nun plötzlich vermarkten und transparent machen würden, nehmen womöglich mehr Menschen die Angebote in Anspruch. So gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, eine finanzielle Unterstützung für Kinderbetreuungskosten zu erhalten – aber selbst Sozialarbeiter aus Familienberatungsstellen wissen oft nicht, wem unter welchen Voraussetzungen diese Wirtschaftlichen Hilfen zustehen. Vermeiden Jugendämter Transparenz absichtlich, um Mehrausgaben zu vermeiden?

Wenn ein Jugendamt sich personell und mit den Kosten an der oberen Grenze bewegt gibt es wohl kein grosses Interesse, publik zu machen, was noch alles zur Verfügung steht. Ich finde es aber trotzdem ganz schwierig, wenn Jugendämter ein so negatives Image als Chaos-Behörde haben. Das stigmatisiert letztlich auch die Klienten, die dringend Hilfe brauchen. Aus meiner Sicht müssen solche Hemmschwellen zukünftig stärker abgebaut werden.

Wenn ein Jugendamt Öffentlichkeitsarbeit machen will – wo sind denn nun die Anknüpfungspunkte?

Viele Leistungen der Jugendämter tauchen medial in einem positiven Licht auf, ohne dass erkennbar wird, dass das Jugendamt dabei irgendeine Rolle spielt. Wenn beispielsweise ein Kindergarten eröffnet wird, dann wird oft der Bürgermeister oder eine Erzieherin mit Foto abgelichtet. Dass der Ausbau der Kindertagesbetreuung eine zentrale Aufgabe der Jugendämter ist, weiss hingegen kaum jemand. Darauf zu verweisen – das wäre ein erster Ansatzpunkt. Wie wichtig sind lokale Medien? Die Lokalpresse sollte Ansprechpartner Nummer 1 sein. Überregionale Medien interessieren sich nun mal nicht so sehr dafür, welche Ferienaktionen und Beratungsangebote vor Ort stattfinden oder ob es Besonderheiten in der die Kinderbetreuung gibt.

Gibt es Jahreszeiten, die sich besonders für die Öffentlichkeitsarbeit von Jugendämtern eignen?

Sicher: Die Schulferien wenn es um Erlebnis- oder Betreuungsangebote geht, Karneval oder ähnliche Festzeiten in Bezug auf Alkoholkonsum – oder dann, wenn Schulen die sogenannten Blauen Briefe verschicken, weil Kinder versetzungsgefährdet sind. Hierbei könnten Jugendämter auf ihre Beratungsangebote hinweisen. Gleichzeitig gibt es aber auch „Konjunkturen“, die nicht geplant werden können – wenn bundesweite Aufmerksamkeit für einen dramatischen Fall entsteht. Aber auch dies könnten einzelne Jugendämter nutzen, indem sie informieren: Kann so etwas auch in unserer Region passieren? Wie sieht das Pflegekinderwesen bei uns aus?

Und so Berührungsängste abbauen?

Ja. Gerade wenn es um die Hilfen zu Erziehung geht, wenn es um krisenhafte Situationen geht – dann geht es oft auch um Randgruppen der Gesellschaft. Der Pädagogik-Professor Franz Hamburger hat in Fallstudien zum Klientel von Sozialer Arbeit herausgefunden: Das sind die, mit denen wir als Gesellschaft nichts zu tun haben wollen. Das färbt dann auf die Profession ab. In Bezug auf das Jugendamt kann das zu der gesellschaftlichen Haltung führen: „Wir wollen auch mit dem Jugendamt nichts zu tun haben.“ Nun ist es aber völlig normal und nützlich, Hilfen des Jugendamtes in Anspruch zu nehmen.

Ist es in beiderseitigem Interesse von Jugendämtern und Journalisten, das zu zeigen – oder sind ihre Anliegen zu unterschiedlich?

Erstmal ist gut, dass es mittlerweile überhaupt einen Austausch zwischen Jugendämtern und Journalisten gibt. Das ist ein Anfang. Sonja Enders Seit ihrer Promotion hat Sonja Enders (31) nicht mehr kontinuierlich wissenschaftlich weiterverfolgt, wie Jugendämter in den „Spiegel der Medien“ geraten. „Aber wenn ich das Fernsehprogramm durchzappe, fallen mir solche Beiträge natürlich besonders auf und ich sehe sie auch gerne“, sagt sie. Nach einer Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Koblenz-Landau im Fachbereich Sozialpädagogik ist Enders nun freiberuflich tätig und absolviert eine Ausbildung zur

Kinder- und Jugendtherapeutin. Jugendamt im Spiegel der Medien Sonja ENders Ihre Arbeit „Das Jugendamt im Spiegel der Medien. Zerrbild zwischen Verantwortung und Versagen?“ ist als flüssig lesbares und in Bezug auf den aktuellen Forschungsstand sehr informatives Buch 2013 im Belz Juventa-Verlag herausgekommen Eine Literaturliste von der Fachtagung Jugendhilfe zum Thema „Jugendamt im Spiegel der Medien“ gibt es unter diesem Link

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s