Diese 9 Rollen können Sozialarbeiter im Journalismus spielen

Experten geben Rat. Betroffene schildern Probleme. Helfer und Helden werden porträtiert, Drahtzieher interviewt. Doch welche Rollen nehmen Sozialarbeitende in der medialen Berichterstattung ein? Gibt es Rollen, die für sie überhaupt nicht geeignet sind – und solche, auf die sie in der Öffentlichkeitsarbeit besonders setzen können? Diesen Fragen bin ich in Experteninterviews für meine Masterarbeit nachgegangen. Warum? Weil ich denke, dass es Sozialarbeitenden Arbeit, Missverständnisse und Unmut ersparen kann, die Regeln der journalistischen Dramaturgie zu kennen. Zu wissen, was das journalistische Gegenüber erwartet: Plakative O-Töne, Hintergrundinformationen oder eine Alltagsschilderung? Kontakte zu Betroffenen? Die Einschätzung, ob eine „Geschichte“ realistisch ist? Wer sich über die möglichen Rollen bewusst ist, kann gezielt kommunizieren. Und Einfluss nehmen – auch wiederholt, zu späteren Zeitpunkten.

1. Sozialarbeiter als klassische Experten

Betrachten Journalisten Sozialarbeiter als Experten – zum Beispiel, wenn soziale Probleme eingeordnet und kommentiert werden müssen? Meine Befragten sind dazu sehr unterschiedlicher Meinung. Eine Redakteurin lacht spontan auf. „Nee“, sagt sie, „Sozialarbeiter sind vielleicht Experten für ein bestimmtes Projekt. Aber das Allgemeingesellschaftliche schreibe ich selber. Oder ich frage einen Universitätsprofessor.“ Später räumt sie ein, dass die Meinung von Sozialarbeitenden „schon interessant“ sein könne, wenn es um soziale Probleme geht: „Wenn ich das Gefühl habe, da kommt ne Expertise und ein Urteil. Und auch ne Meinung.“ Mit Meinungen sind Sozialarbeitende ihrer Erfahrung nach sehr zurückhaltend: „Unter Fernsehjournalisten ist es ein Running Gag, dass es keinen Sinn hat, nen Sozialpädagogen-O-Ton zu kriegen.“

Ganz anderer Meinung ist ein Redakteur, der viele Jahre lang für „Kirche und Soziales“ zuständig war und sich als Unterstützer von Selbsthilfegruppen sieht. Für ihn sind praktisch arbeitende Sozialarbeitende die besseren Experten, als Theoretiker und Wissenschaftler, „weil sie mehr Ahnung von der Wirklichkeit haben.“ Expertise besteht für ihn im Erfahrungswissen. Aber auch er beschreibt, dass akademische Titel seiner Interviewpartner ihm schon dabei geholfen hätten, sie als Experten in der jeweiligen Redaktion durchzusetzen. Denn „wenn einer Professor ist, kann keiner was dagegen sagen“. Die anderen Befragten liegen mit ihren Einschätzungen zwischen diesen beiden Positionen. Einer sagt: „Selbstverständlich sind Sozialarbeiter Experten für soziale Probleme. Nur müssen sich die Journalisten darauf einlassen, um das zu merken.“ Einer glaubt, dass Sozialarbeitende sich selbst als Experten für soziale Probleme sehen und es auch sind. Ihre prekären Arbeitsbedingungen nähmen ihnen jedoch die Kraft dazu, diese Rolle dauerhaft – und öffentlich – einzunehmen.

2. Sozialarbeiter stellen verborgene Bezüge her

Gesellschaftliche Entwicklungen ergeben sich oft über lange Zeit hinweg. Das macht sie für Journalisten schwer greifbar. Ein Befragter beschreibt, wie Sozialarbeitende ihm dabei helfen, gesellschaftlichen Veränderungen zu illustrieren: Beispielsweise habe er für eine Lokalzeitung fast jedes Jahr einmal die lokale Telefonseelsorge porträtiert: „Die Telefonseelsorge ist ein Seismograf der Gesellschaft. Über Jahre hinweg war die Einsamkeit das grösste Problem. Sucht. Partnerprobleme.“ Er glaubt, dass solche Entwicklungen „anonym, im Stillen“ passieren „weil es keiner an die grosse Glocke hängt“. Der Sinn seiner Berichterstattung sei, zu sagen: „Schaut her, was in unserer Gesellschaft passiert.“ Sozialarbeitende könnten dank ihrer Kundenstatistiken einerseits gesellschaftliche Entwicklungen aufzeigen, sie andererseits konkret untermauern.

3. Sozialarbeiter paraphrasieren die Aussagen von Klienten

Die Stimmen derjenigen, die von sozialen Problemen betroffen sind, haben für alle Befragten Priorität in der Berichterstattung. „Aber manchmal“, so ein Befragter, „können Klienten sich nicht so artikulieren, wie das nochmal ein Sozialarbeiter kann.“ Dann zitiert er wiederum Sozialarbeitende, die O-Töne von Klienten – im gleichen Beitrag – verdeutlichen oder theoretisch untermauern.

 4. Sozialarbeiter als „Helden des Alltags“

Sozialarbeitende als Helfer und „Helden des Alltags“ zu porträtieren – das ist für einen Befragten, der Journalist und Sprecher eines Wohlfahrtsverbands ist, eine beliebte journalistische Praxis. Er hält Sozialarbeitende für ideale „Medienhelden“, weil Menschen ihnen viel Vertrauen und Empathie entgegen bringen. Diese „positiven Vorurteile“ seien ein guter Anknüpfungspunkt für die Öffentlichkeitsarbeit sozialer Institutionen.

5. Sozialarbeiter als einfache Protagonisten

Natürlich beschreiben Sozialarbeitende auch ihre Arbeitsfelder und ihren Berufsalltag, wenn konkreten Projekte in die Aufmerksamkeit geraten oder wenn sie sie selbst an die Öffentlichkeit herantragen: „Sozialarbeiter sind halt dann die Akteure in einer Geschichte, die erklären ihr konkretes Projekt.“ Für einen Befragten ist klar: „Das sind die Praktiker, die Sozialarbeiter, die erklären, wie ihr Projekt funktioniert.“

6. Sozialarbeiter bieten Journalisten Erlebnisse an

Grosse Firmen tun es, Freizeitparks tun es: Sie laden Journalisten ein, damit die ihre Produkte und Dienstleistungen hautnah und in Aktion erleben können. Soziale Einrichtungen tun das eher selten. Das bemängeln die Befragten: „Mal zusammen ein Altenheim durchlaufen, das ist eine tolle Gelegenheit, Journalisten auf ein Thema zu lupfen.“ Es ermögliche Journalisten, Themen anschaulich zu schildern. Dabei sei wichtig, möglichst viele Gesprächspartner anzubieten.

Ein anderer Befragter erzählt, wie Wirtschaftsunternehmen  Journalisten Vor-Ort-Termine anbieten: „Kommt doch mal, wir haben das und jenes, wäre das was? Hier ist ein Angebot, das kommt hier rein und dieses Fertigprodukt geht nach China…“ Man solle nicht erwarten, dass in jedem Fall sofort ein Medienbeitrag entsteht: „Könnts euch angucken – und wenn ihr hinterher was schreiben wollt, wäre das wunderbar. Ihr müsst aber nicht.“ Ein dritter Befragter hält es ebenfalls in der Öffentlichkeitsarbeit für essenziell, aktiv auf Journalisten zuzugehen, ihnen Erlebnisse anzubieten und nicht auf deren Initiative zu warten. Er beobachtet als Pressesprecher eines Sozialverbandes allerdings seit Jahren, wie der Zeitdruck im Journalismus steigt und es vielen Redaktionen „nicht mehr möglich“ sei, „einen Kollegen nen ganzen Tag auf Fahrt zu schicken.“

7. Sozialarbeiter vermitteln Kontakte 

Dass er über Sozialarbeiter Kontakt zu Betroffenen erhält, ist für einen befragter Journalisten ein „ganz grosses Plus“. Denn die Klienten seien „die noch grösseren Experten“ für Themen und Probleme. Diese Kontakte sind für die Befragten erstens wichtig, um „ins Thema reinzukommen“. Zweitens möchten sie diejenigen „ans Mikrofon kriegen“, die „für bestimmte Probleme repräsentativ sind“.  Deren Schilderungen und Zitate sind wichtige Beweise. Wenn Journalisten Probleme aufgreifen, sind sie drittens darauf angewiesen, dass Betroffene nicht nur im Hintergrund, sondern „auch in der Öffentlichkeit dazu stehen und zum Beispiel sagen: Da hat mir ein Amt dieses und jenes verweigert“. Sozialarbeiter fungieren dann als „Mittelsmänner“ und helfen den Journalisten, „in Grauzonen einzutauchen“.

8. Sozialarbeiter beurteilen, ob eine Story „taugt“

Eine Besonderheit des letztgenannten Punkts ist diese: Es gibt zwar Betroffene, die sich über Probleme beschweren und sich damit selbst an Journalisten wenden. Die machen zwangsläufig immer wieder die Erfahrung, dass sich die Probleme nach ausgiebiger Recherche in Luft auflösen. Jemand hat sich geirrt. Jemand macht einen Rückzieher und will mit seinem Thema doch nicht mehr an die Öffentlichkeit, nachdem er sich Luft gemacht hat. Oder jemand ist so in psychischen oder sozialen Problemen verstrickt, dass er ein Problem völlig falsch bewertet. Ein befragter Allround-Journalisten lässt aufgrund solcher Erfahrungen grundsätzlich „die Finger“ von Skandalen aus dem sozialen Bereich, die nicht seriös wirkende Einzelpersonen an ihn herantragen – auch wenn sie natürlich wahr sein könnten, was er bedauert. Die Lösung: Ein befreundeter Sozialarbeiter sagt: „Die Geschichte ist top, ist in Ordnung, mit dem kannst du reden.“

9. Sozialarbeiter informieren über Themen und thematische Aufhänger

 „Ich arbeite bei der Schuldenberatung. Könntest du da nicht mal drüber schreiben?“ Solche Anregungen bekommt eine Befragte von Sozialarbeitern aus dem Bekanntenkreis. Andere wenden sich gezielt an Redaktionen. Grundsätzlich zeigen die Befragten sich offen für thematische Anregungen. Das grosse ABER: Es fehlen oft „Aufhänger“. Also zum Beispiel Ereignisse, die Rezipienten erläutern, weshalb ein Thema gerade jetzt aktuell und wichtig ist. Im Sozialen Bereich fehlt das oft: Schuldenberatung existieren das ganze Jahr über, ebenso Frauenhäuser und Kindergärten. Deshalb sind für die befragte Redakteurin Hinweise besonders wichtig, wie „da gibt es diesen und jenen Skandal“ oder „da ist eine neue Studie veröffentlicht worden“. Mit Hilfe solcher zeitlichen Aufhänger kann sie Themen einfacher aufgreifen.

Fazit

Die befragten Journalisten profitieren von Kontakten zu Sozialarbeitern. Am stärksten durch Informationen und Kontakte, die sich speziell aus deren Berufsfeld ergeben: Kontakte zu und und Einschätzungen über Klienten und Menschen, die von sozialen Problemen betroffen sind. Fakten und Statistiken, die nach jahrelanger Arbeit in regelrechte Datenschätze eingemündet sind. Am geringsten profitieren sie, wenn Sozialarbeitende als einfache Protagonisten oder aufgesetzte Rollen wie die des „Alltagshelden“ erscheinen – denn diese können relativ beliebig mit anderen Sozialarbeitern besetzt werden. In solchen Fällen dürfte auch der Profit für Sozialarbeitende gering sein.

Wenn auch Sozialarbeiter von Kontakten zu Journalisten profitieren wollen – zum Beispiel, weil sie ihre Themen medial unterbelichtet sehen oder zur öffentlichen Meinungsbildung beitragen wollen -, sollten sich über ihre Alleinstellungsmerkmale im Klaren sein.

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2 Kommentare

  1. Bei Deinem Beitrag musste ich gleich an die Bemerkung eines Chefredakteurs denken, als ich an einem Termin mit Sozialarbeitern zu tun hatte: „Sieh ja zu, dass von deren Sozialpädagogengeschwafel nichts ins Blatt kommt, das versteht kein Mensch“.
    Viele Grüße
    Sylvia

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