Der aus dem Altenheim bloggt

Sven Bramert* (35) ist Altenpfleger in einer kleinen Stadt in Norddeutschland. „Ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen“, sagt er, „er ist abwechslungsreich und höchst amüsant.“ Und genau so bloggt er. Über Verwechslungen („Du hast doch schon mal den Führer rasiert!“), Drohungen („Pass auf, du kriegst gleich Alzheimer!“) und Vorurteile („Tun Sie dem Georg was in den Kaffee oder warum schläft der nachmittags immer?“). Jetzt hat der Knaur-Verlag aus dem Altenheimblog ein Buch gemacht. Mehr dazu im Interview!

Sven, was hält eigentlich dein Chef davon, dass du über den Alltag im Seniorenheim schreibst?

Der weiss das zum Glück nicht. Ich glaube, der hätte das nicht so gern. Ich nur drei Kolleginnen gesagt, dass ich der Altenheimblogger bin. Allerdings habe ich gehört, dass der Heimleiter mein Buch gekauft hat und es super findet.

Gibt’s eine Anekdote auf dem Altenheimblog, die du selbst am liebsten hast?

Vielleicht die, als eine Bewohnerin sich die Füsse im Klo wusch und darin hängen blieb. Das war ganz lustig – und auch wieder krass. Sie lag da am Boden, musste fast weinen und gleichzeitig lachte sie schon wieder. Da denkst du nur, puuuuh!

Wer liesst dein Blog?

Ich hab mal eine Umfrage gemacht. Ein Drittel kommt aus der Pflege, ein Drittel hat anderweitig mit alten Menschen zu tun. Der Rest ist einfach interessiert.

In deinen witzigen Anekdoten stecken auch kritische Momente. Zum Beispiel beschreibst du, wie eine Tochter sagt: „Mama, du darfst jetzt nicht aufs Klo!“, und sie so entmündigt. Ist es dein Ziel, den unwürdigen Umgang mit alten Menschen anzuprangern?

Auch. Aber da muss man aufpassen auf so einem Blog. Bei so was gibt es immer viele nervige Kommentare. Ich probiere das eher durch die Blume. Wir hatten auf Arbeit mal so ein Blanko-Buch, in das wir Mitarbeiter Anekdoten eingetragen haben, wie sie jetzt auf dem Blog stehen. Irgendwann war das Buch weg. „Ist ja auch blöd“, dachte ich, „die ganzen Erinnerungen.“ Deshalb fing ich an zu bloggen. Jetzt sind es sieben Jahre.

Es ging also um Erinnerungen?

Ja, und darum, anderen Menschen klar zu machen, wie das so abläuft im Heim. Man redet ja immer nur über das Schlechte. Dabei ist das hier sehr abwechslungsreich und manchmal höchst amüsant, was den alten Leuten so alles einfällt.

Was würdest du gern ändern im Seniorenheim?

Es ist bei uns wie überall: Zu wenig Personal für zu viele Bewohner. Da kann man nichts beschönigen. Einen ganzen Tag in im Monat brauche ich für die Bürokratie, die Pflegeplanung – diese Zeit könnte ich auch für die Bewohner nutzen. Das nervt.

Würdest du manchen Bewohner-Kindern gerne Tipps geben: Macht was anders?

Eigentlich nicht. Oder nur bei ganz wenigen. Aber denen kann mein keine Tipps geben, die sind resistent dagegen. Viele denken dann, man will ihnen ans Bein pinkeln, aber das ist ja nicht so.

Der Titel deines Buchs, „Ich habe den Führer rasiert“ – polarisiert der?

Na ja, eine Verwandte, die beruflich selbständig ist, sagte mir: „Ich habe das Buch noch nicht gelesen, ich kann das in meinem Büro nicht herumliegen lassen. Wenn das die Kunden sehen!“ Aber sonst eigentlich nicht. Beim Knaur-Verlag waren sie wohl geteilter Meinung. Die eine Hälfte war für den Titel, die andere Hälfte sagte: Seid ihr bescheuert?

Ein Kapitel im Buch heisst „zurück in die Vergangenheit“. Eine Bewohnerin isst stets in ihrem Zimmer, weil der Speisesaal sie an ein Kinderheim erinnert, in dem sie schlimme Momente erlebt hat. SA-Lieder und Adolf Hitler scheinen im Alltag recht präsent zu sein.

Ja, sicher. Das ist nicht unbedingt gewollt, aber das ist so drin bei den Leuten. Die haben die Nazi-Zeit miterlebt und waren zum grössten Teil dafür, das darf man nicht vergessen. Ein Problem ist auch, dass viele alte Leute hier nur Plattdeutsch sprechen. Wenn die nicht verstanden werden, werden sie sauer – und auch mal politisch unkorrekt. Das ist für ausländische Pflegekräfte auch nicht einfach, damit müssen wir umgehen.

Altenheimblogger

Das Buch des Altenheimbloggers heisst „Ich habe den Führer rasiert. Skurriles aus dem Altenheim.“ Knaur-Verlag, 2014. Derzeit im Buchhandel für 8,99 Euro erhältlich.

*Sven Bramert, der im echten Leben anders heisst, war „vor zwei Jahren 33“ und will gerne geduzt werden. Er kann sich gut vorstellen, noch ein Buch zu schreiben – genauso gerne möchte er aber Altenpfleger bleiben. Für das Telefoninterview ruft er zurück: Er war eben noch mit dem Hund laufen. Link zum Altenheimblog

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