Karl Kübel Stiftung kritisiert Recherche der Süddeutschen Zeitung als „Einbahnstraße“

Manchmal steckt in der morgendlichen Zeitungslektüre ein Schock. Zuletzt ging das wohl Mitarbeitern der Karl Kübel Stiftung so, die Entwicklungszusammenarbeit in Tsunami-Gebieten in Südindien betreibt: Eine Recherche der Süddeutschen Zeitung über zehn Jahren Tsunami-Hilfe beruft sich aus Sicht der Stiftung auf falsche Fakten: ihre Hilfe erscheint unkoordiniert, spontan, naiv – und schädlich. Wie geht die Stiftung mit der unvorhergesehenen Image-Krise um? Ein Interview mit Ralf Tepel, der die Entwicklungszusammenarbeit der Stiftung leitet.

Herr Tepel, wie reagiert die Karl Kübel Stiftung auf die Berichterstattung in der Süddeutschen Zeitung zur Tsunami-Hilfe in Südindien?

Aus unserer Sicht ist diese Reportage eine absolute Einbahnstraße. Die Süddeutsche Zeitung hat von uns sehr umfangreiche Informationen abgerufen – aber alle nachfolgenden Versuche, mit der zuständigen Autorin zu korrespondieren, blieben unbeantwortet. Wir wollen darauf auch noch öffentlich reagieren. Aber es kommt natürlich zur Unzeit, denn in der Weihnachtszeit haben wir als gemeinnützige Organisation ohnehin viel zu tun. Was wir relativ schnell auf die Beine gestellt haben, ist eine eigene Berichterstattung über „zehn Jahre Tsunami-Hilfe“. Ich war selbst noch vor zwei Wochen in den von uns betreuten Dörfern in Südindien und habe alle unsere Projekte bereist. Darüber gibt es jetzt einen Sachstandsbericht aus unserer Sicht, ohne Bezug zu diesem Artikel in der Süddeutschen Zeitung zu nehmen. Der ist jetzt auf unserer Webseite online gegangen. Wir haben ihn auch verschiedenen Medien angeboten und warten nun ab, was passiert.

Nehmen die regionalen Medien solche Pressemitteilungen in der Regel gut an?

Unterschiedlich. Es gibt zahlreiche Medien, die sich bislang nicht auf unser Angebot gemeldet haben. Durch den Bezug der Karl Kübel Stiftung zu Hessen hoffen wir, dass die lokalen Medien sich angesprochen fühlen.

Werden Sie sich auch direkt an die Süddeutsche Zeitung wenden?

Das werden wir tun, wahrscheinlich in Form eines Leserbriefs. Wie bereits gesagt, die Autorin des Beitrags hat uns schon am 13. Oktober angefragt, mit einer langen Liste von Fragen: Was wir im Rahmen der Tsunami-Hilfe gemacht haben, wie wir es gemacht haben, und so weiter. Es war alles ganz fürchterlich eilig, also haben wir auch unmittelbar am selben Tag geantwortet – und das war es dann. Auf mehrmalige Nachfrage haben wir keine Antwort bekommen, telefonisch war Frau Schneider nicht zu erreichen. Nicht einmal ein Belegexemplar wurde uns zugesandt. Dabei haben wir viel Material wie Sachstandsberichte zur Verfügung gestellt und Ansprechpartner vor Ort benannt. Diesen journalistischen Stil finde ich ziemlich fragwürdig und unverantwortlich. Wir hatten keinen Einfluss auf das, was geschrieben wurde, und auch keine Möglichkeit, eventuell etwas nachzureichen oder zu erklären.

Also kritisieren Sie vor allem die Zusammenarbeit mit der Journalistin?

Die kritisieren wir ganz deutlich. Es war eine sehr einseitige Angelegenheit. Weder per Mail noch per Telefon kam von unserer Seite aus ein Kontakt zustande.

Wussten Sie, dass die Autorin so kritisch an das Thema „Tsunami-Hilfe“ herangehen würde?

Nein. Wussten wir nicht. Wir wussten, dass sie dort verwandtschaftliche Beziehungen hat – ihre Schwägerin, die Ethnologin ist und in Südindien ebenfalls eine soziale Einrichtung betreibt, erscheint in dem Artikel als Maß aller Dinge.

Kennen Sie diese Frau?

Nein. Diese Reportage ist offenbar auch gar nicht in Gemeinden entstanden, in denen wir gearbeitet haben. Die von uns betreuten Projektdörfer liegen ziemlich exakt 100 Kilometer von dem Standort entfernt, der in der Reportage genannt ist. Trotzdem beschreibt und bewertet die Autorin unsere Arbeit. Wir haben Frau Schneider vor Ort viele Ansprechpartner genannt, die unsere Arbeit anders eingeschätzt hätten oder die Arbeit aus ihrer eigenen Sicht hätten darstellen können. Trotzdem wird immer nur auf diese eine Quelle Bezug genommen, um die Entwicklungszusammenarbeit im Allgemeinen, und auch die Karl Kübel Stiftung, zu kritisieren.

Die Sueddeutsche Zeitung über Entwicklungszusammenarbeit nach dem Tsunami

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Ist der Karl Kübel Stiftung so ein Medien-Desaster schon einmal passiert?

In dieser Form nicht. Ein Leser-Reporter der BILD-Zeitung hat einmal eines unserer Plakate in Südindien so fotografiert, dass dahinter nur Landschaft zu sehen war. Die Aussage war ungefähr: „Diese Organisation sammelt Spenden, aber es steckt nichts dahinter.“ Wäre der Leser-Reporter der Straße einige Meter gefolgt, hätte er natürlich das Projekt gesehen, das auf dem Plakat benannt war. Allerdings: Die BILD-Zeitung hat uns damals vor einer möglichen Berichterstattung um eine Stellungnahme gebeten. Die haben wir eingereicht, und damit war der Sachverhalt geklärt. Das war ein absolut korrektes Verhalten. Aber dass eine Journalistin sich derart eigenmächtig mit unseren Informationen befasst – sich eigentlich gar nicht mit dem umfangreichen Material auseinander setzt – das ist für uns neu. Das, was wir der Autorin auf ihre Frage hin geantwortet haben, wird in dem Artikel überhaupt nicht erwähnt. Nur an einer Stelle wird gesagt, dass die befragten Organisationen sich sehr bemüht hätten, zu informieren. Aber nichts Inhaltliches.

Hat die Karl Kübel Stiftung einen Leitfaden für Krisenkommunikation?

Nein. Wir müssen uns auf jeden Fall mit unserer Presseabteilung zusammensetzen und besprechen, wie wir künftig mit solchen Medien-Anfragen umgehen. Wenn wir Informationen herausgeben, muss gewährleistet sein, dass sie ordentlich verarbeitet werden.

Die Reportage kritisiert, dass nach dem Tsunami in bestimmten Dörfern Fischerboote beliebig an Menschen verteilt wurden, die vorher keine Boote besessen hatten. Weil es nun zu viele Fischer gab, sanken die Fischpreise, der Markt ging zu Grunde und nun gibt es gar keinen Fischfang mehr, weil er den jungen Menschen nicht attraktiv erscheint. Was ist dran an der Kritik?

Das kann so durchaus passiert sein. Wir stimmen unsere Hilfen so gut wie möglich mit anderen Organisationen sowie den örtlichen Gemeindeverwaltungen ab. Aber ich habe durchaus erlebt, dass nach dem Tsunami nicht nur Hilfsorganisationen, sondern auch Mitarbeiter deutscher Unternehmen in Indien plötzlich aktiv wurden und Boote verteilten, ohne nach links und rechts zu gucken. Ohne zu fragen: Was tun Andere gerade? Wir haben uns bemüht, das zu koordinieren, aber es gab Helfer, die ihre Güter dort regelrecht abgeladen haben – ohne zu fragen, was damit passiert.

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Liegt das auch an den vielen zweckgebundenen Spenden? Also dass Menschen explizit für Boote spenden und das Geld deshalb auch nur für Boote verwendet werden darf?

Ja, es wird sicherlich auch daran gelegen haben. Ähnliches habe ich auch bei Häusern, Nahrungsmitteln und Kleidungshilfe erlebt. Aber dass Boote immer wieder überpinselt wurden, um mal dieser und mal jener Organisation dafür zu danken, wie es in dem Artikel beschrieben ist, das schließe ich in unserem Fall aus, zumal die Beobachtungen offensichtlich in Gemeinden gemacht wurden, in denen wir nicht tätig waren. Ich war, wie gesagt, gerade erst dort und habe gesehen, dass es den Großteil der von uns eingesetzten Boote noch gibt. Weil die Fischer den Fischschwärmen je nach Jahreszeit hinterher wandern, tauchen die Boote zwar mal an diesem, mal an jenem Strand auf, deshalb vermutet man vielleicht schnell, dass sie woanders hin verschenkt oder verkauft worden sind. Aber das ist in unserem Fall definitiv nicht so. Es ist ja auch eine Besonderheit der Karl Kübel Stiftung, dass unsere Projekte langfristig angelegt sind. Wir haben nach dem Tsunami bewusst entschieden, nur Projekte von einheimischen Organisationen zu fördern, mit denen wir schon vielen Jahren erfolgreich zusammenarbeiteten.

Wie viel von der Kritik der Reportage nehmen Sie als Stiftung an?

An einer Stelle steht: Diejenigen, die am lautesten „Hier!“ geschrien haben, haben etwas bekommen. Das ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen. Da gibt es politische Einflüsse vor Ort, und sicher gab es Menschen, die vom Tsunami nicht so stark betroffen waren und trotzdem versucht haben, an Hilfsleistungen heranzukommen. Man kann versuchen, das zu vermeiden, in dem man Bedarfserhebungen erstellt und die nochmal gegenprüfen lässt. Aber dass es im Einzelfall passiert sein kann, dem würde ich zustimmen. Nicht als Charakteristikum solcher Arbeit, aber als Randerscheinung.

Ein Problem, mit dem Sie auch in anderen Ländern und Projekten umgehen müssen?

Ja. Die Entwicklungszusammenarbeit gerät immer wieder an ihre Grenzen. Es kam zum Beispiel auch vor, dass Dörfer nicht dort wieder aufgebaut werden konnten, wo sie vorher standen. Das heißt, man reißt sozial gewachsene Strukturen vielleicht nicht willkürlich auseinander, muss aber sehr genau überlegen: Wie teilt man die Viertel auf? Wir stellen uns das so vor, aber die einheimische Bevölkerung vielleicht ganz anders. Dabei passieren Fehler, die aus der Retrospektive vermeidbar erscheinen. Solche Dinge ziehen die Hilfen manchmal unnötig in die Länge. Aber das gehört dazu, damit müssen wir umgehen.

Link zum Artikel im Magazin der Süddeutschen Zeitung: „War gut gemeint“.

Link zur Berichterstattung der Karl Kübel Stiftung über zehn Jahre Tsunami-Hilfe

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