Hundert Facebook-Likes für diese Seite …

… und schon lange kein Eintrag mehr! Zur Abwechslung möchte ich ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern. Vor fünf Monaten haben wir* an der Evangelischen Hochschule Freiburg ein Projektseminar für Bachelorstudierende gestartet: Soziale Arbeit und Journalismus oder: Wie gelangen soziale Themen an die Öffentlichkeit? 

Nach einigen theoretischen Inputs haben die 12 Studentinnen leitfadengestützte Interviews geführt: Mit RedakteurInnen, Fotografen, Werbe-Machern und Pressesprechern aus dem südbadischen Raum. Sie haben ihnen Löcher in den Bauch gefragt: „Wie nehmt Ihr uns Sozialarbeitende wahr?“ – „Wie können wir unsere Kompetenz medial darstellen?“ – „Passt die Ethik der Sozialen Arbeit zur Ethik des Journalismus?“

Wir hatten eine Redakteurin der Badischen Zeitung als Gastreferentin, sowie die Kampagnen-Verantwortliche der Caritas Deutschland. Wir sind nach Basel zum Strassenmagazin Surprise gefahren und haben auch dort eine Redakteurin interviewt. Mich hat überrascht, dass (fast) alle Medienleute sehr zuvorkommend waren, gerne mitmachten und uns an ihrem wertvollen Wissen teilhaben ließen. Das trifft sogar für eine kleine Gruppe vom Studierenden zu, die sich mit einem etwas heiklen Thema befassten: Nämlich der Berichterstattung der Freiburger Lokalmedien zu einem Flüchtlingsthema. Viele Freiburger hatten „die Medien“ kritisiert, sie hätten das Thema aufgebauscht, rassistisch berichtet, die Geflüchteten stigmatisiert. Auch die Studierenden kritisierten den Tonfall mancher Artikel. Dank Ihrer Auseinandersetzung mit den zuständigen Redakteuren konnten sie, glaube ich, ihr Bild relativieren und deren Haltung akzeptieren: „Es wurde gesagt, was gesagt werden musste. Und: Wir Medien haben eine Veränderung bewirkt.“ Insofern ist unser Seminar vielleicht ein kleiner Schritt weg von plumper Medienschelte hin zum gegenseitigen Verständnis: Wie ticken die anderen?

Die Frage lässt sich aber auch genau umgekehrt stellen, nämlich aus Sicht der Medien-Macher: Wie tickt die Soziale Arbeit? Das war mein persönlicher Aha-Moment in diesem Semester. Ausgelöst durch den Besuch einer Redakteurin in unserem Seminar. Einigen Zuhörern aus unseren Reihen erschien ihre Haltung so: „Ihr könnt uns jederzeit gerne mit euren Themen bedienen, ihr findet uns in den Redaktionen, und am besten bereitet ihr das Material schon so für uns auf, dass wir nur noch einen Teaser formulieren müssen.“

Ich muss sagen, dass ich diese Haltung von mir selbst kenne, wenn auch eher in dieser Variation: „Wenn ihr schon in die Zeitung wollt, dann helft mir doch wenigstens, die Recherche zu strukturieren, so dass ich als schlecht bezahlte Freie weiß, was mich bei Terminen erwartet, und nicht von Pontius zu Pilatus rennen muss, um den notwendigen O-Ton und ein ordentliches Bild zu erhalten. Und nein, eure Pressemeldung mit verwackeltem Gruppenbild wird die Redaktion nicht abdrucken.“ Mir ist einmal mehr klar geworden, weshalb ich immer wieder mal auf Recherchehürden stoße, obwohl es überhaupt gar nichts investigativ zu ermitteln gibt und ich lediglich eine Hilfe sein will, Themen zu veröffentlichen: Wegen der Arroganz mancher Journalisten. Die Arroganz gibt es aber definitiv auch auf der anderen Seite.

Was ich nach wie vor äußerst unsympathisch finde: Wenn Sozialarbeitende unverblümt davon sprechen, Journalisten für ihre Zwecke zu instrumentalisieren – zu einer Veröffentlichung gehören immer noch zwei. Und was mich nach wie vor baff macht: Wenn Sozialarbeiter in Interviews mit den Studierenden davon sprechen, man müsse  in „Friedenszeiten“ Kontakte zu Redaktionen herstellen, um für „Kriegs(oder Krisen?)zeiten“ gewappnet zu sein – und umgekehrt reflektierte Redakteurinnen den Studentinnen in den Interviews erklären, wie engagagiert, gender- und anderweitig-sensibel und am Menschen orientiert sie ihre Texte und Bilder aufbereiten. Die Klischees sind ja eher umgekehrt, dabei sind sich Journalisten und Sozialarbeiter in ihren Haltungen sehr ähnlich.

Vielleicht brauchen wir speziell für den zerfledderten sozialen Bereich, in dem viele schlechte bezahlte oder ehrenamtliche Kräfte herumwuseln und oftmals keine klaren Strukturen herrschen, einfach verbindlichere Regeln dafür, wer im Zuge von Recherchen welche Parts erfüllen kann. Eine Art Leitfaden für die Medien-Zusammenarbeit für alle, die an einer Zusammenarbeit interessiert sind. Und wir sollten einmal gründlich analysieren, was aus Sicht der Sozialen Arbeit dagegen spricht, mit Medien zusammen zu arbeiten. Damit Aspekte wie Klientenschutz, Ethik, Bringschuld, Zeitdruck, Deutungshoheit nicht immer wild durcheinander geraten, sondern nüchtern sortiert werden können.

Wie es weiter geht? Im Projektseminar möchten wir im nächsten Halbjahr Workshops für Sozialarbeitende und Journalisten durchführen – ich bin sehr gespannt, wie die Reaktionen darauf sind. Außerdem werden die Studierenden einen eigenen Leitfaden für die Öffentlichkeitsarbeit multimedial publizieren. Hier im Blog: Unser Besuch beim Strassenmagazin Surprise wird noch ausführlicher Thema sein, zudem wird es einen Gastbeitrag auf Sozial PR geben. Wenn die Studierenden es mir erlauben, will ich hier die Poster posten, mit denen sie die Ergebnisse des ersten Semesters präsentiert haben. Für mich persönlich hat sich im letzten halben Jahr viel geändert: Mittlerweile bin ich zu 60 Prozent Werbetexterin, eine spannende, neue Aufgabe, von der ich mir viel erhoffe. Nach wie vor genieße ich es, in meiner „Freizeit“ hin und wieder die gestresste Lokaljournalistin zu sein, die rasch auf ein Gespräch plus Foto hereinschaut und Fragen stellen darf, die man sonst nicht stellt. Nach vier Jahren kenne ich die Ehrenamtlichen- und Vereinslandschaft in dieser Region ganz gut (und umgekehrt). Das beides, in Kombination mit den Projektseminar an der EH Freiburg, schreit einfach nach mehr!

*Wir, das sind außer mir im Wesentlichen der Soziologe Professor Berthold Dietz und die Politikwissenschaftlerin und Professorin Katrin Toens.

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