Swen Staack, der (vermutlich) einzige Sozialarbeiter-Science-Slammer Deutschlands!

Herr Staack, eine kleine Recherche beim Team von www.scienceslam.de hat ergeben: Sie sind vermutlich der einzige Sozialarbeiter unter den Science Slammern. Wussten Sie das?

Swen Staack: (lacht) Weiß nicht. Ich habe mich damit nicht so beschäftigt. Wahrscheinlich haben Sie recht.

Wie kamen Sie dazu?

Ich halte relativ viele Vorträge, bei denen die Leute immer was zu lachen haben. Die Frau, die den Science Slam im Hamburg organisisiert, hatte davon gehört und mich gefragt, ob das mal machen will. Also habe ich es probiert.

Kam denn mal die Reaktion: Wieso denn jetzt Soziale Arbeit – das ist doch gar keine Wissenschaft?

Nee, das ist mir so nie begegnet. Sozialpädagogik gehört ja auch zu den Sozialwissenschaften. Ich bin doch nicht weniger wert! Die Soziale Arbeit wird vermutlich oft vergessen, weil man an Streetworker denkt oder an Leute, die in irgendwelchen Kindertagesstätten sitzen. Aber ich beschäftige mich mit der Versorgung von Menschen mit Demenz – das hat natürlich einen wissenschaftlichen Anspruch.

Sie sind nicht nur Sozialarbeiter sondern auch Journalist?

Genau, ich habe mein Volontariat bei SAT 1 gemacht. Das war aber nicht unbedingt meins, ich fand Fernsehen zu oberflächlich. Ich war zwar in der Sportredaktion – das ging eigentlich noch, da kann man ja nicht so viel Unsinn melden (lacht). Trotzdem fand ich, dass es nicht ganz meine Welt war. Mit Ende 20 habe ich dann über den Zweiten Bildungsweg Soziale Arbeit studiert. Da gibt es allerdings noch eine Vorgeschichte: Bevor ich bei SAT 1 war, hatte ich ein Handwerk gelernt und mit Gefangenen im Strafvollzug gearbeitet. Ich war sogar schon verbeamtet, dachte aber: Nee, da muss noch was kommen und habe mich umorientiert. Daher jedenfalls mein Bezug zur Sozialen Arbeit. Schlussendlich bin ich bei Sozialer Arbeit mit älteren Menschen gelandet. Außerdem bin ich Autor bei einem Verlag und schreibe regelmäßig für eine Fachzeitschrift. Bunte Biografie.

Sind Sie mehr Wissenschaftler oder Praktiker?

Praktiker eher weniger. Ich leite ein Kompetenzzentrum Demenz. Das ist ein Modellprojekt, finanziert von den Pflegekassen und dem Sozialministerium in Kiel, das die Versorgung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen im Land verbessern soll. Wir untersuchen: Was können die Kommunen tun? Welche Multiplikatoren kann man schulen? Wir bieten Schulungen an, halten Vorträge, machen viel Öffentlichkeitsarbeit. Unsere Zielgruppe sind nicht die „Endverbraucher“, sondern eher die Entscheidungsträger. Natürlich werden wir wissenschaftlich begleitet und prüfen, ob wir unsere Ziele erreichen.

Demenz ist ein aktuelles Thema. Angenommen, Sie würden als Sozialarbeitswissenschaftler ein anderes Thema bearbeiten – Frauenhäuser, sexuellen Missbrauch, etcetera – hätten Sie dann auch beim Science Slam landen können?

Ich denke, dass die humorvolle und populärwissenschaftliche Herangehensweise bei allen Themen der Sozialen Arbeit möglich ist. Ein Thema ist erst dann in der Gesellschaft angekommen, wenn man darüber auch mal einen Witz machen kann. Klar, für mich kam hinzu, dass Demenz zunehmend ein Thema ist – als ich vor 15 Jahren damit begann, sagten alle „Was soll das denn sein?“ Jetzt wurde bei der Fernsehsendung „Hart aber Fair“ schon zum dritten über Mal Demenz geredet. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass man auch einen Science Slam über Migranten, Frauenhäuser oder Asylanten machen kann. Nur sind in Deutschland solche Themen immer mit einer gewissen Schwere behaftet. „Da macht man keine Scherze drüber!“ Ich sehe das anders.

Widerspricht es nicht der Ethik der Sozialen Arbeit, ihre Themen humorvoll darzustellen?

Gar nicht! Es widerspricht doch nicht meiner Grundhaltung, Menschen befähigen zu wollen, sich selbst zu helfen. Gerade der Humor kann Leute dazu bringen, sich ernsthaftere Gedanken zu machen. Oft ist das ein Einstieg: „Hey, das war ganz amüsant, was der gesagt hat – gucken wir mal, was dahinter steckt.“ So erreiche ich mehr Menschen, als wenn ich sage, wie schrecklich das alles ist. Denn dann sagen die nämlich: „Das will ich gar nicht wissen.“ Es hat mich immer gestört, dass bei Sozialarbeitern alles ernst und schwer sein muss.

Wurden Sie mal von Kollegen kritisiert?

Erstaunlicherweise nie. Selbst, wenn ich bei Vorträgen ganz polemisch werde, sagen die Leute: „Wunderbar, dass es mal einer sagt.“ Oft rede ich vor Pflegefachkräften und pflegenden Angehörigen. Die freuen sich, dass sie mal über Demenz schmunzeln können. Vielleicht hat mal einer gedacht: „Völlig unseriös!“ Das sieht man an den Gesichtern, die gucken dann so und schütteln mit dem Kopf (lacht). Aber gesagt hat es keiner, mir sind nur positive Rückmeldungen bekannt.

Mir begegnet häufig ein Dilemma: Sozialarbeiter fühlen sich medial vernachlässigt. Aber wenn Redakteure anfragen, ziehen sie zurück und sagen: „Nee, so nicht“ oder „Jetzt nicht“ oder „Wir wollen mitbestimmen, wie es dargestellt wird.“

Glaube ich gern, dass das oft ein Eiertanz ist. Das liegt an der Angst, etwas Falsches zu sagen. Kürzlich hatte ich einen Anruf von der BILD-Zeitung, die wollten ein Statement von mir nach diesem Demenz-Film „Honig im Kopf“. Da habe ich gesagt: „Könnt ihr gerne machen, aber nicht mit mir. Ich halte Sie einfach nicht für seriös.“ Die Journalistin wurde richtig böse, aber was soll es. Ich glaube nicht, dass die BILD das richtige Medium dafür ist und ich will keinen Artikel lesen, in dem steht, wie schrecklich alles rund um Demenz ist. Man muss abwägen: Mit welchen Medien will man zusammen arbeiten? Will man sich in der „Frau im Spiegel“ wiederfinden? Berichten sie mit Leichtigkeit? Oder wird das so eine schwere Geschichte? Das hängt immer auch mit dem Journalisten zusammen, der mit einem zusammen arbeitet.

Und ich glaube, Journalisten haben oft die Haltung: „Lass Sozialarbeiter bloß keine O-Töne sagen.“ Die finden ja immer alles „spannend“ oder kommen ins Labern – die haben immer noch so nen Ruf.

IST die Soziale Arbeit denn benachteiligt, was Öffentlichkeit angeht?

Ich glaube schon. Aber die Sozialwissenschaften gehen auch weniger raus, als die Naturwissenschaften. Man macht was, macht gute Arbeit – aber geht damit nicht an die Öffentlichkeit. Naturwissenschaftler haben oft ein ganz konkretes Ergebnis: „Guckt mal, was ich hier Tolles gefunden habe!“ Sozialarbeiter sind seltener in der Forschung, und was sie tun, ist schwerer messbar. Aber auf alle Fälle fehlt der Sozialen Arbeit der Anspruch, in die Offensive zu gehen und zu sagen: „Es ist toll, was wir machen!“

Was ist Science Slam?

Beim Science Slam bringen Wissenschaftler ihre Forschungsthemen auf die Bühne – unterhaltsam, allgemeinverständlich und innerhalb von zehn Minuten. Anhand der Lautstärke des Beifalls werden die Gewinner gekürt. Mitmachen? www.scienceslam.de

Swen Staack (53) lebt in Kiel, leitet das Kompetenzzentrum Demenz Schleswig-Holstein und ist unter anderem Sozialarbeitswissenschaftler, Journalist, Mitglied der Alzheimer Gesellschaft und Träger des Bundestverdienstkreuzes. Autorenprofil von Swen Staack beim Mankau Verlag Link

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Ein Gedanke zu „Swen Staack, der (vermutlich) einzige Sozialarbeiter-Science-Slammer Deutschlands!

  1. Hat dies auf mampel´s welt rebloggt und kommentierte:
    Swen Staack (53) lebt in Kiel, leitet das Kompetenzzentrum Demenz Schleswig-Holstein und ist unter anderem Sozialarbeitswissenschaftler, Journalist, Mitglied der Alzheimer Gesellschaft und Träger des Bundestverdienstkreuzes…..

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