Pssst in Gladbeck: Weshalb man einen PR-Preis im Sozialen nicht mit Superhelden oder Projekt Pusteblume gewinnt

Pssst in Gladbeck: PR-Preis für Soziales Thema

Die Marketing-Studentin Lea Bührer hat mit zwei Kommilitonen den Junior-Award 2014 der Deutschen Public Relations Gesellschaft (DPRG) gewonnen: Mit einer Kampagne, die den Kindern psychisch kranker Eltern helfen soll. Im Interview erzählt sie, wie intensiv die Studierenden sich drei Monate lang ins Thema vertieften.

Frau Bührer, wieso haben Sie sich ausgerechnet mit einer Kampagne für Kinder psychisch kranker Eltern auseinander gesetzt?

Es war von der DPRG vorgegeben, dieses Konzept für den Caritas-Verband Gladbeck zu entwickeln. Unser Professor hat uns ermutigt, mitzumachen. Er hat die Anmeldegebühr von ungefähr 100 Euro übernommen – wir sollten sie ihm zurückzahlen, falls wir gewinnen.

Was Ihnen gelungen ist. Mussten Sie bei diesem Thema anders vorgehen also sonst, weil es ein soziales Thema war?

Vom Aufbau her war alles gleich. Wir haben die typischen Schritte eines PR-Konzepts abgearbeitet. Zuerst haben wir die Ausgangssituation analysiert, uns also intensiv in die Situation der Kinder hineinversetzt, um sie beschreiben zu können. Dafür haben wir sogar fiktive Kinderbücher geschrieben. Dann haben wir kommunikative Herausforderungen analysiert, Kampagnen-Ziele festgelegt, Bezugsgruppen und Botschaften definiert, die Art der Positionierung, kreative Leitideen und Wirkungsketten diskutiert, außerdem einen Maßnahmenplan und die Art der Evaluation festgelegt.

Und was war anders als bei nicht-sozialen Themen?

Dass wir von dem Thema überhaupt keine Ahnung hatten. Wir haben ziemlich viel Zeit damit verbracht, wissenschaftliche Artikel zu lesen oder Youtube-Videos mit Vorträgen über die Kinder von psychisch kranken Eltern anzuschauen.

Weil psychische Erkrankung ein Tabu-Thema ist?

Genau. Deshalb spielt der Tabu-Kreis so in unserem Konzept eine große Rolle. Wir haben bewusst gesagt, dass wir die Eltern und Kinder gar nicht ansprechen – weil sie nicht aufnahmefähig genug sind, um etwas zu bewirken. Man muss die Menschen drum herum ansprechen, ein Netzwerk zu bilden.

Sie studieren Werbung und Marktkommunikation mit dem Schwerpunkt Public Relations an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Wie ist das unter Studierenden oder Medien-Machern: Freut man sich, mal ein soziales Thema bearbeiten zu dürfen? Ist es etwas Besonderes?

Hm, für uns was es eher schwierig, weil wir mit einer besonderen Sensibilität vorgehen mussten. Wenn man ein Industrie-Thema hat, dann legt man einfach mal los. Bei einem sozialen Thema muss man mehr darüber nachdenken, wie es auf die Kinder wirkt, wie sehen die es, wie jene.

Gab es denn seit der Preisverleihung auf Ihren Kampagnen-Vorschlag Reaktionen von Betroffenen – oder von Fachkräften, die mit solchen Kindern arbeiten?

Nicht viele. Die Auftraggeberin von der Caritas war natürlich bei der Preisverleihung dabei – sie ist von dem Konzept sehr begeistert und will es umsetzen. Demnächst wird es einen Pressetermin in Gladbeck geben, zu dem wir  eingeladen sind.

Welche Ideen hatten Sie denn noch, die Sie vielleicht verworfen haben?

Witzigerweise hatten auch wir die Helden-Idee, die eine andere Teilnehmer-Gruppe dann vorgeschlagen hat. Die Kinder oder Helfer von Kindern psychisch kranker Eltern als Helden darzustellen, das ist naheliegend und ging uns lange Zeit nicht aus dem Kopf. Aber das gibt es im sozialen Bereich auch schon richtig oft. Deshalb haben wir nach weiteren Ideen gesucht. Wir haben uns ziemlich schlau gemacht, wie andere Initiativen zu diesem Thema heißen. Aber die heißen meisten „Pusteblume“ oder so was. Das ist austauschbar.

Ihre Kampagne heißt einfach nur Pssst.

Genau. Wir haben gesagt: Es braucht gar keinen Namen. Wichtig ist, was dahinter steht. Unsere „kreative Leitidee“ war die Variation „In Gladbeck“. Da steht ein regionaler Bezug dahinter. Und der warnende Zeigefinger ist ein deutliches Zeichen dafür, dass es sich um ein Geheimnis handelt.

Lea Bührer, Frederik Gallois, Maren Wittmann

Lea Bührer, 24, hat mal ein Praktikum bei der Lebenshilfe im Kinzig- und Elztal gemacht und studiert Werbung und Marktkommunikation an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Mit ihren Kommilitonen Frederik Gallois, Maren Wittmann (Bild: Mitte und links) hat sie den Nachwuchspreis 2014 des Internationalen Deutschen PR-Preis gewonnen. Ehe sie das Studium abschließt, will Sie noch Erfahrungen in der Industrie sammeln.

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2 Kommentare

  1. Hat dies auf mampel´s welt rebloggt und kommentierte:
    wieder einmal ein sehr lesenswertes Interview auf der Seite von Rebekka Sommer! Interessant vor allem für jene Projekte, die sich um einen der vielen ausgelobten Projektpreise bewerben…….

  2. Danke für den interessanten Blogpost, auf den ich durch Thomas Mampel aufmerksam wurde.

    Ich hab früher Werbekampagnen von gemeinnützigen Organisationen durchgeführt und bei Entwurf oder Anpassung eines bestehenden Konzepts beraten. Es war immer klar, dass Sensibilität dabei ein mindestens so hohes Gut wie Kreativität ist, gerade wenn eine Bevölkerungsgruppe im Zentrum einer Marketingkampagnen steht, die es aufgrund von Stigmatisierung und weitgehender Exklusion schon schwer genug hat.
    Ein sensibler Umgang damit könnte auch den Unterhaltungsmedien nicht schaden:
    https://wuenschenwollentun.wordpress.com/2013/08/26/126/

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