Helden, Helfer und Mentoren: Wie kann die Soziale Arbeit Storytelling für die Öffentlichkeitsarbeit nutzen?

Tim A. Bohlen ist professioneller Geschichtenerzähler. Auf seinem Blog bohlen.me hat er „Die 95 Thesen des Storytelling“ versammelt. Im Interview erklärt er, wie Soziale Arbeit diese Methode einsetzen kann und welche Rollen Klienten, Sozialarbeitende, Ehrenamtliche und Spender einnehmen können.

Herr Bohlen, fallen Ihnen gute Storytelling-Beispiele aus der Sozialen Arbeit ein – und falls ja, warum bewerten Sie sie positiv?

Mit konkreten Beispielen muss ich passen. Vielleicht wird aber anders herum eine Geschichte draus: Geschichten haben mit Sicherheit eine Bedeutung für die Soziale Arbeit.

Lassen Sie mich ein wenig ausholen: Menschen denken in Geschichten. Wir erinnern uns durch Geschichten und speichern mittels Geschichten wichtige Erfahrungen und Erlebnisse ab. Unser episodisches Gedächtnis ist neben dem semantischen Gedächtnis eine der beiden Formen unseres deklarativen Langzeitgedächtnisses. Mit anderen Worten: Wir sind „fest verdrahtet“ mit Geschichten, untrennbar mit ihnen als Mensch verbunden. Geschichten haben auch einen kulturellen Wert: Sie speichern geteilte Werte einer Gemeinschaft und werden als wertende und moralische Instanz, als Kompass für das eigene Verhalten von Generation zu Generation weitergegeben.

Helden jeder Art – von Batman über Bilbo Beutlin, Lara Croft oder Rocky, Rambo oder Herkules – sind auf ihre spezifische Art Vorbilder für uns und können sehr nah an der Lebenswelt von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sein. Dazu reicht ein Blick in den Spielzeugladen, in die Videospielabteilung des Elektronikfachmarktes oder ins Kino- und Fernsehprogramm.

Achten_statt_aechtenQuelle: siehe unten

Worin liegt nun die Bedeutung von Geschichten für die Soziale Arbeit?

Jeder mir bekannte Held wird mit einem Schicksalsschlag konfrontiert, der sein Leben vollends durcheinander bringt. Am Boden trifft er auf einen Helfer, der ihm Wissen und Fähigkeiten vermittelt. Dieser Helfer ist es meist auch, der den baldigen Helden dazu auffordert, seinem Ruf zu folgen, eine Mission zu erfüllen, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen oder die Welt zu retten. So kämpft der baldige Held gegen immer stärker werdende Widerstände bis zum Höhepunkt der Geschichte, was folgt ist hoffentlich ein Happy End. So funktionieren Geschichten von Helden und Superhelden, Komödien, Liebesfilme und Dramen – bestimmt 80 Prozent von dem, was im Kino oder auf der Konsole läuft, folgt diesem Prinzip. Da klingen schon einige Parallelen zur sozialen Arbeit durch, oder? Storytelling kann damit ganz sicher einen immensen Teil zu erfolgreicher Sozialarbeit beitragen.

Wie meinen Sie das?

Sie könnten fragen: Welche Geschichte löst etwas in dem Klienten aus – eine Helden-Geschichte? Ein Drama? Eine Liebesgeschichte? Was kann der Klient aus der Geschichte lernen: Dass Jedem etwas Schlimmes zustoßen kann? Und das es vielleicht der Umgang mit einem Schicksalsschlag ist, der aus einem unscheinbaren Teenager einen Helden macht? Dass es sich zu kämpfen lohnt? Dass es sich lohnt, Hilfe von außen anzunehmen? Immer weiter zu machen, was auch immer passiert?

Tut es denn Not, Klienten zu Helden zu stilisieren?

Wichtig ist mir, dass Helden nicht immer in schwarzen Kostümen durch die Kulisse flattern oder mit schweren Waffen gegen das Ende der Welt kämpfen. Für mich ist ein Held, der seinen Job verliert, hunderte Bewerbungen schreibt, nicht aufgibt, sich weiterbildet und dann einen neuen Beruf oder eine neue Berufung findet. Wir neigen dazu, erfolgreiche Menschen als erfolgreich zu erkennen, verkennen aber, dass sie vielleicht einen langen Weg zum Erfolg hinter sich gebracht haben. Silvester Stallone hatte hunderte Absagen für Rocky bekommen, bis ein Studio den Zuschlag gab. Joanne K. Rowling hatte bestimmt genauso viele Absagen für ihren Harry Potter kassiert. Heute gibt es sicher einige, die bereuen, damals „nein“ gesagt zu haben. Mir hat das berühmte Zitat von Oscar Wilde immer geholfen: „Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“

STorytelling in der Sozialen Arbeit

Quelle: siehe unten

Die SPD stilisiert in einer Kampagne Alleinerziehende als Super Women. Darin heißt es: „Alleinerziehende retten jeden Tag die Welt“. Wie beurteilen Sie diese Story – ist diese Überhöhung nicht ein bisschen plump? Andere Eltern leisten ja auch viel …

Kern der Idee wird sicherlich sein, den Blick auf die Helden des Alltags zu richten. Daher ist das grundsätzlich sicher keine falsche Idee, vor allem weil es wirklich auch immens ist, was Alleinerziehende leisten müssen. Im Dickicht der ganzen Extrem-Meldungen aus den Medien gehen diese Leistungen verloren. Wer es nun wie schwerer hat, vermag ich nicht zu beurteilen – es wäre ja auch denkbar, dass ein Partner „rund um die Uhr“ auf Dienstreise ist und damit der andere Partner quasi Alleinerziehender ist.

Definitiv hinderlich für gutes Storytelling sind jedoch Klischees. Im amerikanischen Sprachraum gibt es das Klischee „It’s the end of the world as we know it…“ und meint die immer wieder identischen Filmanfänge nach dem Schema „Die Welt wird nie wieder so sein wie vor dem Alienangriff… Krieg… Bösewichte…“. Das wird sie aber nie, weil sich kein Moment, keine Sekunde jemals genau so wiederholen wird. Wer Klischees verwendet, steht sich mit seiner Idee eine gute Geschichte zu erzählen selbst im Weg, weil er nicht die Gefühle der Menschen erreicht, sondern sofort im Kopf in der Kategorie „nicht schon wieder“ abgeheftet wird.

Sozialarbeitende haben meiner Erfahrung nach oft Hemmungen, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Andererseits sind sie als Akteure oder Helden von Geschichten wichtig. Wie könnte man die Angst davor nehmen, sich selbst zu präsentieren?

Sozialarbeiter sind ganz bestimmt Helden! Nicht aber im Storytelling: Hier sind die Klienten die Helden. Sie sind es, die einen Schicksalsschlag – im Storytelling Inciting Incident genannt – erleiden, fallen, Hilfe von außen bekommen, sich wieder aufrappeln und gegen alle Widerstände antreten, um ihre Welt wieder gerade zu biegen. Die Sozialarbeiter sind die Helfer, die Mentoren, die dem Helden/Klienten mit Rat und Tat zur Seite stehen, ihm die Fähigkeiten vermitteln, die er braucht, um seine Reise erfolgreich zu bestehen und die ihn auffordern, seinem „Ruf“ zu folgen.

Quelle: siehe unten

Sozialarbeiter sind also keine Helden im Storytelling? Und welche Rollen können Ehrenamtliche oder Spender einnehmen?

Moment: Sozialarbeiter können schon Helden sein. Bei Batman gibt es auch einen Robin, bei Pumba einen Timon und Harry Potter hatte auch seine Freunde um sich. Sie sind jedoch im technischen Sinne eher Helfer. Was ich persönlich für die Kommunikation auch viel charmanter finde, als die Eigeninszenierung „zum Retter der Welt“. Nun der Helfer ist jemand, der aktiv mit seinem Wissen, seiner Weisheit und seinem Können dem Helden aufhilft, damit dieser sich auf die Reise begeben kann.

Insofern sind auch Ehrenamtliche und Spender alles vom Helfer bis zum – sehr wichtigen – Nebendarsteller, etwa wie Q in James Bond, ohne dessen phantastische Ausrüstung (Spenden oder findige Ideen der Ehrenamtlichen) James Bond besonders in kniffligen Situationen aufgeschmissen wäre. Im Storytelling geht es um Prinzipien, die seit Menschengedenken gute Geschichten ausmachen. Nicht so sehr um starre Regeln, wie man eine Geschichte in wie vielen Schritten nach Anleitung zu erzählen hat.

Helden-Web2

Quelle: siehe unten

Ist es denn überhaupt die Aufgabe von Sozialarbeitern, Geschichten aus ihrem Arbeitsumfeld zu erzählen?

Na ja, Geschichten packen die Menschen auf einer anderen Ebene als Grafiken, Statistiken oder Fakten in Stichworten. Wenn alle Rechte an der eigenen Geschichte und Persönlichkeit gewahrt werden, dann können Geschichten Sozialarbeitern auf zwei Ebenen helfen: Erstens, um in der Öffentlichkeit, wie groß die auch immer sein mag, Aufmerksamkeit für individuelle oder gesellschaftliche Probleme und Fragestellungen zu bekommen. Zweitens in der Sozialen Arbeit selbst, frei nach dem Motto: „Wenn sie das geschafft hat, dann kannst Du das auch!“

Quelle: siehe unten

Was passiert, wenn eine soziale Einrichtung kein Storytelling macht – besteht dann die Gefahr, dass die „falschen“ Geschichten in Umlauf kommen?

Geschichten werden so oder so erzählt und „falsche“ Geschichten können auch in Umlauf kommen, wenn eine Einrichtung Storytelling nutzt. Aber wenn sie es tut besteht zumindest die Möglichkeit, dass „Werauchimmer“ auch die „wahren“ Geschichten weitererzählt. Die „Gefahr“ ist eine andere: Wenn sich Unternehmen – oder eben soziale Einrichtungen – nur auf Fakten konzentrieren, dann wirkt das für die Öffentlichkeit nicht gerade emphatisch. Es entsteht keine Verbindung zwischen der Einrichtung und den Menschen, die sie ansprechen möchten. Es fehlt die Chance, sich in Situationen hinein zu fühlen. Dies ist aber wichtig, denn wir treffen einen Großteil unserer Entscheidungen auf emotionaler Basis – also auch die Entscheidung, ob wir spenden, uns ehrenamtlich betätigen oder um Rat bitten.

Quelle: siehe unten

Sie haben auf ihrem Blog 95 Storytelling-Thesen veröffentlicht. Könnten Sie mir diese erläutern: „Geschichten sind Erfahrungen, für die Menschen keine Konsequenzen tragen müssen“, vielleicht am Beispiel einer sozialen Einrichtung? 

Geschichten sind Erfahrungsspeicher, die von Generation zu Generation weitergetragen werden. Wir lernen aus Geschichten, wie sich Helden heldenhaft verhalten, wie sie dadurch Vorbilder werden. Wir lernen, wer gut, wer böse ist und geben Hoffnung, dass wir eine Chance gegen „das Böse“ haben. Insofern sind die Erfahrungen anderer – ob erfunden oder real -, die uns auf unserem Lebensweg helfen. Wir müssen uns nicht in solche Gefahren – man denke da nur an die Geschichten von Hercules, Siegfried den Drachentöter, Batman oder Spiderman – stürzen, um dieselben Erfahrungen zu machen. Das meine ich, wenn ich davon spreche, dass wir keine Konsequenzen tragen müssen.

Tim a. bohlen über Storytelling und Soziale Arbeit

Tim A. Bohlen ist mit einem Sozialarbeiter befreundet. Der sagt immer: „Wenn die Gesellschaft sich anständig verhalten würde, wäre ich zwar arbeitslos, aber dafür wir alle glücklicher.“ Beruflich bewegt sich Bohlen „an der Schnittstelle von Marketing und Public Relations“ als Teamleiter von MINDACT CONTENT. Er ist Lehrbeauftragter an der Hochschule Fresenius, Geschichtenerzähler und Hundevergötterer.

Bild- und Videonachweise:

1: „So sehen Helden aus“; das war der Slogan der Jahreskampagne der Caritas im Jahr 2008

2. „Wonder Women“ heißen Alleinerziehende in einer Kampagne der SPD

3. Liam Robertson hat Autismus und hat ein Video über sich selbst gedreht, um andere zu ermutigen. Dazu hat ihn wiederum ein Sozialarbeiter ermutigt.

4. „Blut, Schweiß und Tränen“ – in Anlehnung an Sir Winston Churchill inszenierte die Berliner Boulevard-Zeitung B.Z. soziales Engagement und Ehrenamt mit einer Kampagne

5. Dieses Video haben Jugendliche aus Hessen für ihren persönlichen Helden gedreht: Im Rahmen des Projekts „Zeit für Helden“ der Landesarbeitsgemeinschaft Hessen

6. Nahezu selbsterklärend: Das dramatische Kampagnenvideo des Samariterbunds Österreich

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4 Gedanken zu „Helden, Helfer und Mentoren: Wie kann die Soziale Arbeit Storytelling für die Öffentlichkeitsarbeit nutzen?

  1. Hat dies auf IdeeQuadrat rebloggt und kommentierte:
    Ich finde die Idee des Storytellings spannend… Hier findet Ihr einen Bericht mit Überlegungen zur Sozialen Arbeit!

  2. Hat dies auf Wünschen. Wollen. Tun. rebloggt und kommentierte:
    Danke an Tim Bohlen und Rebecca Sommer für dieses kurzweilige Interview zu einem spannenden Thema! 🙂

    Ich hatte vor Jahren als Mitinhaber der Kreativagentur Lesefutter viel mit der Materie Storytelling zu tun und hab auch die Erfahrung gemacht, dass Storytelling Menschen erreicht, besser und sympathischer erreicht, als es Infos tun, die ohne narrative Elemente vermittelt werden.

    Und auch im Coaching taucht das Thema Erzählen auf:
    Einerseits als Problem (welche immer wiederkehrenden Geschichten – oft hinderlich – erzählen wir uns über unser Leben selbst? Mit welchen Stories halten wir uns selbst klein?), aber auch als Ziel, als Vision (Wo wollen wir hin? Was können wir uns ausmalen und erzählen, um so weiterzugehen, wie wir es uns wünschen?) und schließlich auch als Ressource (Das Entwickeln von Geschichten lässt uns fühlen, dass es mehr als eine Sichtweise, oft auch mehr als einen Weg (zum Ziel) gibt und strukturiert unser Vorwärtsgehen).

    Zum Thema Helden hab ich 2013 gebloggt. Hier zu lesen:
    https://wuenschenwollentun.wordpress.com/2013/08/03/von-echten-heldinnen-und-wahren-helden/

    Noch was: Förderliche Heldengeschichten einerseits, inflationäre Selbstbilder andererseits… besser auseinanderhalten:
    https://wuenschenwollentun.wordpress.com/2014/06/22/superman-superwoman-superchild/

  3. Storytelling ist vermutlich einer der besten Wege die Menschen für sich zu begeistern. Ich meine, arbeitet nicht jeder an etwas mit, hinter dem es eine (im Idealfall „hippe“) Geschichte zu erzählen gibt? Auf der anderen Seite sollte man Storytelling nicht als Allheilmittel sehen, sondern auch wirklich relevante Inhalte bieten und nicht nur eine „ansprechende“ Geschichte bieten.

    http://www.dersozialeunternehmer.de

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