Workshop: Wie gelingt Pressearbeit zwischen Sozialer Arbeit und Journalismus?

Was geschieht, wenn man neun Journalisten, zwei Pressesprecher und sieben Sozialarbeiter drei Stunden lang in einen Raum steckt? Verständnis – in rasantem Arbeitstempo. Wir haben es ausprobiert: Beim Workshop „Pressearbeit zwischen Sozialer Arbeit und Journalismus“ am 12. Juni 2015 an der Evangelischen Hochschule Freiburg.

Wie gelingt Pressearbeit zwischen Sozialer Arbeit und Journalismus? Workshop an der Evangelischen Hochschule Freiburg

„Journalisten kommen sowieso nur, wenn die Luft brennt – und dann wollen sie, dass wir ihnen einen Junkie oder einen Mörder vermitteln. Was alles gut läuft, wollen sie nicht wissen.“ „Über uns gab es in den letzten sieben Jahren nur drei Presseartikel – für uns interessiert sich die Mainstream-Presse nicht.“ Ja, solche Stimmen gab es bei unserem Workshop auch. Aber alle kamen mit der „anderen Seite“ ins Gespräch. Und, um es vorweg zu nehmen: Der Drogenhelfer, der sich von der lokalen Presse vernachlässigt fühlte, ging mit einer Verabredung mit einem freiberuflichen Journalisten nach Hause – veranlasst durch die Frank-Plasberg-Abschlussfrage „Mit wem aus dieser Runde möchten Sie sich später noch im Biergarten treffen?“

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Der Hintergrund

15 Bachelor-Studierende der Sozialen Arbeit haben ein Jahr lang in einem Projektseminar die Frage untersucht „Wie tickt Journalismus?“ Insgesamt 24 Journalisten, Pressesprecher, Fotografen und Sozialarbeiter haben sie interviewt, besucht und zum Semesterabschluss zum Workshop an die Evangelische Hochschule Freiburg eingeladen. Darunter waren gestandene Redakteure, die irgendwann mal ein Sozialpädagogik-Diplom erworben haben, Sozialarbeiterinnen, die gelegentlich für die Lokalzeitung schreiben, Pressesprecher der Diakonie Baden und der Freiburger Straßenschule, Freiberufler, Texter, Agentur-Journalisten und Sozialarbeiter aus den Bereichen Bewährungshilfe, Drogenberatung, Schulsozialarbeit, Integrationsfachdienst, Armutsbekämpfung und Jugendarbeit inklusive der Arbeit mit Unbegleiteten Minderjährigen Flüchtlingen (UMF).

Uwe Mauch, Leiter der BZ-Stadtredaktion Freiburg, und Doris Banzhaf, Chefin vom Dienst beim Zentrum für Kommunikation der Landeskirche Baden

Wie gelingt Pressearbeit zwischen Sozialer Arbeit und Journalismus? Workshop an der Evangelischen Hochschule Freiburg

Statements: Auf den Punkt kommen

„Für mich ist eine gelungene Zusammenarbeit mit Sozialarbeitern, wenn nach einer halben Stunde auf meinem Blatt steht, worum es überhaupt geht“, überspitzt Doris Banzhaf, Chefin vom Dienst des Zentrum für Kommunikation der Evangelischen Landeskirche Baden. „Für Journalisten ist Zusammenarbeit mit Sozialarbeitern wie das gute Können einer Fremdsprache“, so Christian Könemann, langjähriger Fernsehjournalist und heute Pressesprecher bei der Diakonie Baden. Der Fachjargon von Sozialarbeitern müsse für das Laien-Publikum übersetzt werden. Den Sozialarbeitern fehlt hingegen oft die Differenziertheit: Ein Mörder ist nicht gleich ein Mörder. „Du arbeitest jahrelang mit den Menschen zusammen und dann kommt die Presse und will auf ein Detail hinaus. Da ist es schwierig, adäquat zu reagieren“, sagt jemand.

Annette Aly, Sozialarbeiterin beim Integrationsfachdienst des Diakonischen Werks Freiburg, rät in ähnlichem Kontext: „Schreiben Sie als Sozialarbeiter doch selbst mal einen Text auf 2196 Zeichen. Das wird Ihre Haltung gegenüber Journalisten definitiv verändern.“ Neu für die Studierenden ist der Begriff „Küchenzuruf“ – so nennen Journalisten die Botschaft eines jeden Artikels, die man informell seinem Gegenüber am Küchentisch mit wenigen Worten erklären kann.

Workshop Soziale Arbeit und Journalismus an der Evangelischen Hochschule Freiburg

Workshop Soziale Arbeit und Journalismus an der Evangelischen Hochschule Freiburg

Statements: Relevanz herstellen

„Was uns Journalisten hilft, sind Zahlen, Fakten, Erfolgsquoten“, sagt Uwe Mauch, Redaktionsleiter der Freiburger Stadtredaktion der Badischen Zeitung. Sicher seien die in der Sozialen Arbeit oft besonders schwer zu benennen. Denn wie misst man zum Beispiel den Erfolg von Prävention? Allzu oft sind es Ideen – gute Ideen – für die Sozialarbeiter „die Presse“ einspannen wollen. Nur sind Ideen eben keine Fakten. Und manchmal tragen die Ideen keine Früchte. „Da lädt man uns ein, über ein Kunstprojekt für psychische Kranke zu schreiben. Aber wenn unser Mitarbeiter kommt, sitzt da nur ein Mensch und malt. Und in der nächsten Woche gar keiner“, berichtet einer. Wer das einmal erlebt hat, überlegt sich als Journalist bei der zweiten Einladung sehr gut, ob es sich lohnt, zum Termin zu gehen.

Noch unverständlicher aus Sicht einer Journalistin: „Wenn eine Selbsthilfegruppe mich bittet, zu berichten – aber zu einem ihrer Treffen darf ich nicht kommen.“ Für die Geschichten, die sie ja letztlich erzähle, müsse sie etwas gesehen und erlebt haben. „Dann macht doch Service! Eben eine Ankündigung, dass die Gruppe sich trifft“, wendet eine andere Journalistin ein. Auch das ist in der lokalen Presse durchaus denkbar – einmal, und vielleicht ein zweites Mal. Aber auch vom Stil und dem Selbstverständnis der jeweiligen Journalisten abhängig.

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Arbeitsgruppe: Einmal quer durch die Krise

Wie schützen wir Klienten? Was tun wir, wenn es im Fall einer Krise plötzlich Medienvertreter vor der Tür stehen? Eine von drei Kleingruppen befasst sich mit dem Thema Krise. „Seien Sie ehrlich“, ist einer der wichtigsten Ratschläge der Journalisten. „Wenn Sie etwas nicht wissen, dann sagen Sie das. Sagen Sie auch, was Sie nicht sagen wollen oder dürfen. Aber blockieren Sie nicht und halten Sie uns nicht zum Narren.“ Wenn die Wahrheit über die Hintertür herauskommt, werden Journalisten ungemütlich. „Vernetzen Sie sich im Fall von Krisen auch mit anderen betroffenen Institutionen“, rät Doris Banzhaf, „und sprechen Sie Ihre Kommunikationsstrategie ab.“

Ein Sozialarbeiter will wissen: „Wenn nun die Presse anruft und ich überrumpelt bin – darf ich dann sagen: Rufen Sie in zwei Stunden wieder an?“ Er darf, wird von den Journalisten am Tisch abgenickt. Zwei Stunden sind kein Thema. Und man darf, soll bitte Regeln vereinbaren, wenn es beispielsweise um Klientenschutz geht. „Sagen Sie gleich von Anfang an, wenn Personen anonymisiert werden sollen.“ Gegenseitige Offenheit schafft Vertrauen. Und wenn beide Seiten sich daran halten, setzt es sich fort.

Workshop Soziale Arbeit und Journalismus an der Evangelischen Hochschule Freiburg

Abschlussfazits

„Bei allem, was wir diskutiert haben: Überschätzen Sie sich nicht! Es ist kein Wunder, dass professionelle Journalisten in der Öffentlichkeitsarbeit der großen Sozialverbände beschäftigt sind!“ Das sagt Doris Banzhaf. Und Christian Könemann resümiert: „Es ist viel zu tun in der Öffentlichkeitsarbeit der Sozialen Arbeit. Aber es bewegt auch etwas. Das zeigt allein dieser Workshop.“ Die Schulsozialarbeiterin Magdalena Landenberger bestätigt das aus eigener Erfahrung: „Presse- und Öffentlichkeitsarbeit wird immer selbstverständlicher. Für uns junge Sozialarbeitende ist Pressearbeit eine Chance, die eigenen Stellendeputate zu erhöhen.“

Stabsstelle interkulturelle Beratung, Bildung und Betreuung, beim Jugendhilfezentrum St. Anton LBZ Riegel

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Mehr Info

Über die Sprache von Sozialarbeitern, den Umgang mit Klischees, erfolgreiches Netzwerken haben zwei weitere Gruppen diskutiert. Ihre Ergebnisse werden in Kürze auf der Webseite der Evangelischen Hochschule präsentiert, und noch mehr: Eine Arbeitshilfe für die Pressearbeit in sozialen Institutionen mit Interviews, Rezensionen, Glossen und Berichten der Studierenden wird dort erhältlich sein: www.eh-freiburg.de/hochschule/soziale-arbeit/sozialearbeit-journalismus

Geleitet wurde das einjährige Projekt „Soziale Arbeit und Journalismus“ im 5. und 6. Semester des Bachelorstudiengangs Soziale Arbeit von Prof. Berthold Dietz, Prof. Katrin Toens und der Lehrbeauftragten Rebekka Sommer (M.A. Soziale Arbeit, Journalistin und Texterin).

Bilder: Fionn Grosse, zum Facebook-Profil

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