Wie gelingt Pressearbeit im Frauenhaus?

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In manchen Bereichen der Sozialen Arbeit stehen die Persönlichkeitsrechte von Klientinnen und Klienten unter besonderem Schutz. „Frauenhäuser machen bestimmt von sich aus keine Pressearbeit“, dachte ich deshalb immer. Falsch gedacht. Sozialpädagogin Alexandra Schmidt vom Frauenhaus Hildesheim sagt: Öffentlichkeitsarbeit war hier schon immer wichtig! Wie sie gelingt? Ein Interview.

Frau Schmidt, ist Pressearbeit in einem so sensiblen Bereich wie dem Frauenhaus überhaupt möglich?

Ja, wir machen sehr viel Pressearbeit, das ist auch ein Schwerpunkt meiner Arbeit seit drei Jahren. Wir finden es sehr wichtig, hier in Hildesheim präsent zu sein und für unsere Arbeit einzutreten.

Das heißt, es hat irgendwann mal die bewusste Entscheidung gegeben, Ressourcen in die Pressearbeit im Frauenhaus zu investieren. Gab es dafür einen Auslöser?

Da kann ich nur vermuten, weil ich noch nicht so lange hier arbeite – ich glaube aber, dass das einfach schon immer so war. Gerade in der Frauenhausarbeit ist es sehr wichtig, öffentlich präsent zu sein – um Gelder zu bekommen, Fördermittel beantragen zu können, deutlich zu machen, dass die Arbeit notwendig ist, hier in der Region. Pressearbeit ist für uns unabdingbar.

Wie sieht die Pressearbeit im Frauenhaus Hildesheim aus – gibt es bestimmte fixe Termine im Jahr? Oder ist das anlassbezogen?

Es gibt ein paar feste Termine, zu denen wir die Medienvertreter einladen – zum Beispiel, wenn wir unseren Jahresbericht vorstellen mit den aktuellen Themen, was im letzten Jahr wichtig war, was sich vielleicht auch verändert hat in der Frauenhausarbeit. Dann haben wir jedes Jahr am 25. November zum Tag gegen Gewalt an Frauen unsere Brötchentütenaktion, bei dem wir mit verschiedenen Bäckereien und Metzgereien zusammenarbeiten, die an diesem Tag ihre Ware in unseren Tüten verkaufen. Mit dem Spruch „Gewalt kommt uns nicht in die Tüte“ und einem Einleger mit Kontakten zu verschiedenen Beratungsstellen.

Und dann wird über die Aktion des Frauenhauses in den lokalen Medien berichtet?

Genau. Und wir haben anlässlich des 25. Novembers auch immer einen Kinofilm gezeigt. Früher waren das oft Filme, die ein wenig nachdenklich stimmten, in denen es auch um Gewalt an Frauen ging. Aber wir haben gemerkt, dass das zwar interessant ist, aber die Zuschauerinnen und Zuschauer stimmungsmäßig eher heruntergezogen hat. Deswegen haben wir uns in den letzten Jahren eher für motivierende, stimmungsmachende Filme entschieden, in denen es um Frauenpower ging, ein bisschen fröhlicher einfach. Das kam auch sehr gut an, die Besucherzahlen waren in den letzten Jahren steigend. Das sind natürlich auch Anlässe, bei denen die Presse vertreten ist.

Die Zeitschriften und Zeitungen berichten also über Termine: „die Brötchentütenaktion ist wieder aktuell“, und dabei steht das Frauenhaus Hildesheim als Institution im Vordergrund. Oft ist es aber so, dass Journalistinnen und Journalisten die Geschichten zeigen wollen, also wer die Frauen im Frauenhaus sind und was sie erlebt haben. Wie gehen Sie damit um?

Das ist ganz unterschiedlich. Natürlich haben wir ganz oft Anfragen, wie im Moment zu Flüchtlingsthemen Da werden wir gefragt, ob wir mit solchen Frauen zu tun haben, wie wir damit umgehen. Da hat natürlich die Presse einige Fragen. Generell sind wir da schon sehr offen. Immer wieder kommt dann die Anfrage, ob einzelne Frauen sich für ein Interview zur Verfügung stellen würden. Wir fragen dann ab, welche Frau sich das vorstellen oder sich dazu motivieren könnte, und dann sprechen wir mit den einzelnen Frauen schon. Wenn wir merken, das kommt nicht gut an oder für die Frau ist das unangenehm, dann hat es sich eben erledigt. Aber wir bemühen uns schon, uns bei Presseanfragen kooperativ zu zeigen und zumindest eine Rückmeldung zu geben.

Sie sagen „oft“ – wie häufig gibt es denn solche Anfragen von der Presse an das Frauenhaus?

Na, „oft“ war übertrieben – vielleicht zwei, drei Mal im Jahr. Zusätzlich zu den Presseterminen von unserer Seite.

Die Journalistinnen und Journalisten, die anfragen – kennen Sie die in der Regel?

Sowohl als auch, manchmal kommen auch neue Gesichter.

Welche guten und schlechten Erfahrungen haben Sie gemacht?

Bislang relativ gute. Gerade, wenn es um die persönlichen Geschichten ging, haben mir die Texte im Ergebnis immer ganz gut gefallen. Es wurde sich an Absprachen gehalten und anonymisiert, wie vereinbart.

Das bedeutet, Sie haben die Regeln immer von vornherein besprochen, also wie zum Beispiel autorisiert und anonymisiert wird?

Ja. Und bei den Journalisten, mit denen man häufiger zu tun hat, ist es irgendwann auch fast schon klar, das bestimmte Regeln eingehalten werden. Zum Beispiel, dass die Texte anonym gehalten werden, dass kein Foto gemacht und der Wohnort der Frauen verändert wird – vor allem, wenn Kinder im Spiel sind.

Immer wieder höre ich Argumente, wie: Mit der Presse haben wir einmal schlechte Erfahrungen gemacht – da kooperieren wir jetzt gar nicht mehr. Was raten Sie sozialen Institutionen, die Pressearbeit so pauschal ablehnen?

Das finde ich schwierig. Es ist ja ein Geben und Nehmen in der Pressearbeit. Wir als sozialer Verein sind auf die Medien angewiesen – da ist es nur fair, bei einer Anfrage einfach mal Rücksprache im Team oder mit den Klienten zu halten. Für uns ist es immer gut, wenn ein Thema in den Zeitungen und Zeitschriften präsent ist, wenn Gewalt gegen Frauen über soclhe Einzelschicksale thematisiert wird und in die Köpfe der Menschen kommt. Dass es nicht als Tabu-Thema gilt.

Gibt es ein Best-Practice-Beispiel aus dem Frauenhaus Hildesheim im Bereich der Pressearbeit?

Das ist wirklich schwer zu sagen. Ich finde es grundsätzlich gut, wie wir hier mit den Journalistinnen und Journalisten vernetzt sind, wie gut die Kommunikation funktioniert. Wenn wir zu Terminen einladen, sind immer viele vertreten.

Gab es Veranstaltungen Ihrerseits, zu denen niemand kam, bei denen Sie merkten: Das ist kein gutes Thema für die Presse?

Es ist immer relativ ähnlich. Letztes Jahr, bei unserem 30-jährigen Jubiläum, waren wir ein wenig enttäuscht: Es gibt zwei große Zeitschriften hier in Hildesheim, aber die eine berichtete nur in ganz kleinem Rahmen über uns. Das war ein bisschen schade. Aber so etwas passiert einfach.

Alexandra Schmidt ist Soziologin und Sozialpädagogin und arbeitet seit drei Jahren beim Frauenhaus Hildesheim. Vor kurzem hat sie dort den Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit übernommen.

Zwei Zeitungsartikel aus dem Frauenhaus Hildesheim:

Zur Webseite des Frauenhaus: www.frauenhaus-hildesheim.de

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