Mein Spiegel hat vier Hufe. Oder: Pferdegestütztes Coaching bei Horsemotions in Freiamt – ein Erlebnisbericht

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Der Mann hat sein Büro gegen einen Kleinmädchentraum getauscht. Weite Wiesen, Pferdekoppel, Hufgetrappel. Michael Weiß war früher IT-Manager. Heute ist er Coach, Berater und lizensierter „Horsedream Partner“. Auf seinem wunderschönen alten Hof in Freiamt im Schwarzwald gibt er pferdegestützte Seminare für Führungskräfte und Privatpersonen – und hat mich eingeladen, als Schreibende an einem solchen teilzunehmen.

An einem nebeligen Samstagmorgen kommen wir Teilnehmerinnen an: Petra wohnt im Ort, Gabriele im sonnigen Markgräflerland, sie kommt mit Bahn und Bus. Ich fahre mit dem Auto an, habe unterwegs in einem Dorfladen nach der Richtung gefragt – Freiamt muss ich immer suchen, so weit hinten liegt es im Tal und so verzweigt sind die Straßen. Die Gruppe ist klein. Macht nichts, denn die eigentlichen Hauptdarsteller sind die Pferde, und die laufen jetzt in die Koppel ein.

Pino, ein 18-jähriger schwarzer Wallach, das größte der drei Pferde, hat seine Nase zuerst vorn, wird aber von Kandy überholt, einer braunen Stute, 24 Jahre. Sie umkreist die Koppel mehrmals und zieht Pino am unsichtbaren Band hinter sich her. Pony Amadeus, zwölf Jahre, macht, was es will. Wir drei Frauen stehen im taufeuchten Gras am Rand der Koppel, in unseren Körpern hallt noch das Dong-Dong-Dong der Trommel, die Michael einige Minuten lang geschlagen hat.

Erste Erkennis: Coolness wirkt bei Pferden nicht

Aufgabe Nummer 1: Beobachte die Herde und nenne ein Pferd, das dich am meisten anspricht. Ich wähle Kandy wegen ihrer mittleren Größe. „Such dir mal lieber kein Extrem aus“, denke ich mir, „bestimmt sagt es was über dich aus, welches Tier du wählst.“ Der Tag soll ruhig beginnen und ich will unauffällig in der Mitte einer Gruppe verschwinden. Doch schnell wird mir klar, dass die Größe der Tiere nichts aussagt: Kandy ist die Herdenchefin, unangefochten. Der kleine Amadeus wagt sich nicht an sie heran, beginnt aber nach kurzer Zeit, den großen Pino in Gesicht und Beine zu zwicken.

Ich überlege, ob ich Pino cool finden soll, weil er das kindische Gehabe des Kleinen ignoriert und stoisch so lang über sich ergehen lässt, bis der gelangweilt damit aufhört – oder schwach, weil er alles mit sich machen lässt. Doch Seminarleiter Michael stellt klar: Es gibt keine Coolness bei den Pferden. „Wenn ich eine Schüssel Hafer in diese Koppel stellen würde, bekäme Kandy den größten Teil, Amadeus das, was übrig bleibt – und Pino hätte das Nachsehen.“ Im Friss-oder-Stirb-Spiel der Natur hat Coolness keine Bedeutung. Mein Gedankenspiel war reine Interpretation. Genau wie das von Gabriele und Petra, die denken, dass der große Pino eindeutig den Ton angebe und die mittelgroße Kandy die Herde mit ihrer ausgleichenden Art zusammenhalte. „You see what you can see – man sieht nur, was man sehen kann“, resümiert Michael zufrieden. „Das Sozialleben der Pferde ist unserem ähnlich. Deshalb glauben wir, darin unseren eigenen Alltag wiederzuerkennen. Genau das nutzen wir heute um zu reflektieren.“

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Was macht Achtsamkeit mit mir?

So habe ich übrigens Teil B der ersten Aufgabe beantwortet, „Welche Beziehung innerhalb der Herde spricht dich am meisten an und weshalb?“: Mir gefällt die klare Rollenverteilung zwischen Kandy und Pino. Am Ende einer Arbeitswoche mit verschiedenen Jobs und familiären Pflichten sehne ich mich nach Ruhe und Selbstverständlichkeiten.

Folgerichtig ist es dann auch mein Kopf, der sich beim „Body-Scan“ bemerkbar macht. Das geht so: Man stellt die Füße hüftbreit auf den Boden, schließt die Augen, atmet tief aus und fährt in Gedanken den Körper von den Haar- bis zu den Fußspitzen ab, wie mit einem Scanner eben. Die Frage des Seminarleiters ist: „Welcher Körperteil fordert die meiste Aufmerksamkeit von dir?“ Die Aufgabe: „Trage einen Gedanken dorthin.“ Ich komme mir ein bisschen albern vor und frage mich, was außer einer Krankheit oder einem Muskelzwicken in meinem Körper Aufmerksamkeit einfordern könnte. Doch weil die Aufgabe gleich zu Ende ist und mein Kopf immer lauter vor sich hin denkt, entscheide ich mich für ihn und trage einen Gedanken dorthin: „Ruhe jetzt!“

Warum das Pferd Gabriele führt und nicht umgekehrt

Wenn ich heute, einige Wochen später, im Büro sitze und aus dem Fenster schaue, denke ich manchmal an Gabriele und ihren Aha-Effekt bei Übung Nummer 4, „Führen und geführt werden“. Erst ist Petra an der Reihe, sie begrüßt die Stute Kandy und führt sie problemlos an der langen Leine über den Platz. Achtsam sieht das aus, und spielend einfach. Als Gabriele den Strick übernimmt, läuft sie ohne Begrüßung schnurstracks los. Kandy nicht. Sie zieht, Gabriele nimmt den Strick kürzer, Kandy legt die Ohren an, schnappt, bleibt stehen. Verzweifelt gestikuliert Gabriele zu uns herüber, „Na toll!“, ruft sie, „und jetzt?“ Von uns kommt keine Hilfe. Katze Phillippa läuft über den Sandplatz und legt sich neben dem Pferd in die Sonne. Das richtet seine Aufmerksamkeit auf die andere Seite des Tals, wo zwei Spaziergänger den Feldweg entlang laufen. Als Gabriele es schließlich wieder bis zu uns geschafft hat, ruft sie aus: „Genau so läuft´s bei mir immer, ich kriege eine Aufgabe und presche einfach los. Ohne vorher nachzudenken. Genau das ist mein Problem!“

Petra bekommt ein Bein gestellt – von ihrer eigenen Fürsorge

Einige Übungen später stößt Petra an ihre Grenzen. Es ist eine Partnerübung: Gabriele läuft mit verbundenen Augen neben dem Pferd, Petra führt sie um verschiedene Hindernisse herum. Doch die Selbstverständlichkeit von vorhin fehlt. Petra hält den Strick immer kürzer, läuft langsam, schließlich rückwärts, dem Pferd und Gabriele zugewandt. Bis Kandy stehenbleibt – an der gleichen Stelle wie bei Gabriele vorhin. Wieder läuft ein Spaziergänger den Feldweg entlang und Kandys Ohren richten sich auf ihn. Und wieder legt die Katze sich in den warmen Sand nebem dem Pferd. Michael schmunzelt, ich staune. „Was ist denn los, warum stehen wir hier?“, ruft die blinde Gabriele, doch Petra antwortet nicht. Die selbstvergessene 52Jährige in Turnschuhen und Latzhosen, die in ihrer Firma im Betriebsrat ist und Verantwortung für Auszubildende trägt, hat in ihrer Fürsorge für die unsichere Gabriele den Kontakt zum Pferd und den Faden verloren – und vergisst jetzt sogar, zu kommunizieren. Gabriele beendet ihre blinde Runde mit einem Hüpfer, weil das Pferd immer schneller um die Kurven biegt. „Das sah gut aus, jetzt bist du mutiger geworden“, lobe ich in der Feedback-Runde, aber sie stöhnt auf: „Ich hatte einfach nur Schiss und wollte das Pferd nicht loslassen!“

Petras Aha-Effekt des Tages: „Das Pferd ist genau dann stehen geblieben, als ich merkte: Jetzt kommt Gabrieles schwierige Stelle. Obwohl die blind war und davon gar nichts merkte, habe ich dem Pferd die Richtung nicht mehr angegeben.“ Der Gedanke an das Anhalten von vorhin hat also dazu geführt, dass das Pferd erneut anhielt. Daraus könnte jetzt ein Glaubenssatz entstehen: „Das Pferd hält immer an der gleichen Stelle an.“ Oder, noch einen Gedankenschritt weiter: „Diese Unebenheit hier im Boden, dieser herabhängende Zweig an dieser Stelle ist schuld daran, dass das Pferd immer anhält.“ „Gedanken erschaffen Realität“ ist Petras wichtigste Erkenntnis noch am Ende des Seminars.

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Ich lasse mich führen und erkenne mein verschwommenes Spiegelbild

Jetzt bekomme ich ein Lob: Als blinde Geführte am Pferderücken bitte ich Gabriele gleich beim ersten Hindernis, langsamer zu laufen und mir die Richtung zu nennen. Das tut sie, wir kommen heil an. „Geführt werden ist auch eine Kunst“, ist meine Erkenntnis. Und denke: Wenn Gabriele schneller geworden wäre, dann wäre ich eben einfach stehen geblieben. „Es war gut, dass du so ruhig warst“, sagt Gabriele, „und klar gesagt hast, was du brauchst.“

Jetzt wird mir bewusst, warum Michael diese Übungen für Teams und Führungskräfte anbietet. Je klarer wir kommunizieren, desto besser klappen die Übungen mit den Pferden. Einfach vorneweg laufen, funktioniert nicht – sich zu viel um die anderen zu kümmern aber auch nicht. Wer führt, muss sich darauf verlassen können, dass die hinten wissen, was sie tun. Sonst zieht der Vordermann die Zügel an und alle werden unzufrieden.

In einer Pferde-Herde geht es ständig um Rangordnungen – Pony Amadeus verhandelt seine mittlere Position mit Pino jeden Tag neu. Dringt ein Mensch in diese Herde ein, ist er ein Teil des Spiels und erfährt unmittelbare Reaktionen auf sich selbst, als Person. Nicht auf seine Allüren und all das, was man im Alltag vorgibt, zu sein. Es gibt kein Richtig und kein Falsch in der Natur. Was ist, ist. Wenn mir ein Mensch sagt: „Dir fehlt Teamgeist“ oder „Organisier dich besser“, bin ich vielleicht beleidigt. Einem Pferd kann ich das nicht übel nehmen.

Es ist Nachmittag. Sieben Übungen sind vorüber, ein Topf Eintopf leergegessen, drei Frauen schweigen zufrieden. Beim letzten Body-Scan spüre ich überhaupt kein Körperteil mehr, für heute reicht es. Zu Beginn der Heimfahrt, bei der ich mich gedankenverloren um fünf Kilometer verfahren werde, sehe ich im Rückspiegel das alte Bauernhaus mit der runden Pferdekoppel und denke: Schöner Tag, nette Leute, frische Luft und klare Gedanken. Aber brauche ich wirklich einen Coach, drei Pferde und englische Begriffe wie Body-Scan, um mich selbst zu reflektieren und mir psychologische Grundlagenkenntnisse zu vergegenwärtigen? Nun ja. Vielleicht nicht ständig. Ob ich nun „Body-Scan“ oder „Achtsamkeitsübung“ sage, ob ich mich tiergestützt mit Pferden coachen lasse oder mit Schildkröten, ist vielleicht auch egal. Aber zum ersten Mal seit langem hatte ich die Gelegenheit, mich mit mir selbst zu befassen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich mich verändert habe. „Allein das ist Grund genug“, denke ich, „alle zwei Jahre mal innezuhalten und in den Spiegel zu schauen.“ Am liebsten in einen mit Fell und vier Beinen. Gerne bei Michael Weiß in Freiamt.

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Die Horsemotions GBR in Freiamt ist Lifetime Member und qualifiziertes Mitglied der EAHAE (European Association for Horse Assisted Education) und lizensierter HorseDream Partner, Mitglied im Arbeitskreis EQPferd zur Entwicklung von Qualitätskriterien und Standards für pferdegestützte Personalentwicklungsmaßnahen, Trainingskonzepte und Fortbildungen.

Zur Website: www.horsemotions.com

Horsemotions auf Facecook

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