So vermeiden Sie Ärger beim Autorisieren von journalistischen Texten

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In diesem Blogeintrag geht es um die wichtige und immer wiederkehrende Frage, die jeder Journalist kennt (und hasst): „Gell, Sie schicken uns den Artikel aber nochmal, wir korrigieren´s dann!“ Grundsätzlich lautet die Antwort schlicht: Nein. Diejenigen, über die die Presse berichtet, haben normalerweise in letzter Konsequenz keinen Einfluss darauf, wie sie beschrieben werden. Der Grund dafür? Pressefreiheit. Und ein gewisser Pragmatismus. Wer sich Journalisten ins Haus holt, muss das wissen und damit umgehen können.

Aber natürlich gibt’s Ausnahmen: Wortlaut-Interviews oder auch O-Töne dürfen meist autorisiert werden (Tipp am Rande: Wenn Sie Ihre Zitate autorisieren möchten, kündigen Sie diesen Wunsch so früh wie möglich an, das hilft Journalisten bei der Planung). Grenzfälle sind Personenporträts: Ich kenne einige Journalisten, die diese komplett gegenlesen lassen. Denn wenn der gesamte Text eine Person beschreibt, wäre es unfair, nur einzelne Zitate autorisieren zu lassen. In meiner Arbeit als Werbetexterin, der ich drei Tage pro Woche nachgehe, ist es selbstverständlich, dass Auftraggeber das Geschriebene gegenlesen, kommentieren, verändern können.

Ein weiterer Grenzfall, der mich besonders im letzten Jahr beschäftigt hat, ist der Fachjournalismus. Immer wieder schreibe ich Features für eine mitgliederfinanzierte Fachzeitschrift für Jugendsozialarbeit. Die Redaktion bietet den porträtierten Einrichtungen meist an, die gesamten Texte gegenzulesen. Dabei geht es also nicht rein um das Recht am eigenen Wort (das ist der wesentliche Grund dafür, Zitate autorisieren zu lassen), sondern auch darum, in einer Fachwelt Ansehen und Vertrauen zu wecken. Zudem ist es bei Fachbeiträgen natürlich besonders wichtig, dass die vielen kleinen Details und Fakten in einer Geschichte korrekt sind.

Solche Sonderfälle sorgen aber immer wieder für Ärger. Zum einen, weil in der Sozialen Arbeit die Pressearbeit oft nur ganz am Rande geschieht und die Menschen, mit denen ich es zu tun habe, schlicht nicht wissen, was im Prozess des Autorisierens ihre Rolle, ihre Rechte, aber auch ihre Aufgaben sind. Zum andern gibt es in der Pressearbeit von sozialen Einrichtungen zwei besondere Fallstricke: Der Schutz der Klienten und die Angst, mit Selbstdarstellung oder „knackigen Zitaten“ anderen sozialen Einrichtungen auf die Füße zu treten. Beides führt immer wieder dazu, dass Sozialarbeitende über ihre eigentliche Funktion und Kompetenz (Expert/in) heraus in die journalische Arbeit einzugreifen versuchen.

Mit den folgenden Tipps will ich dabei helfen, typische Fehler und Konflikte beim Gegenlesen zu vermeiden:

  1. Wir schreiben den Text nicht gemeinsam.
    Sondern wir haben verschiedene Rollen: Ich bin die Autorin und beschreibe, was ich sehe, höre und erfahre. Mit meinen Augen und in meinen Worten. Dafür beauftragt und bezahlt mich meine Redaktion. Sie prüfen die Fakten und autorisieren Ihre O-Töne, also ihr eigenes gesprochenes Wort.
  2. Greifen Sie nicht in die redaktionelle Arbeit ein.
    Auch wenn Sie schon immer gern geschrieben haben. Und auch wenn Sie über eine Zweitkarriere als Autor_in nachdenken: Formulierungen, Satzstellungen, Wiederholungen, der Aufbau einer Geschichte sind für Sie tabu. Wenn Sie einen Text zum Faktencheck bekommen, ist es gut möglich, dass er anschließend erst „rundgefeilt“ wird. Aber das ist nicht Ihr Job. Das gleiche gilt für die Bildauswahl: Es ist egal, ob Sie Bild 3 am schönsten finden. Die Redaktion/das Layout bekommt von mir immer eine größere Bildauswahl und entscheidet dann, welches gut passt.
  3. Das Autorisieren ist ein Geben und Nehmen.
    Sie nehmen Einfluss, ich baue auf Ihre Unterstützung beim Faktencheck. Bitte seien Sie so fair und nehmen Sie sich Zeit dafür. Journalisten wird gerne nachgesagt, sie stünden dauernd unter Zeitdruck. Das stimmt nicht immer: Gerade längere, zeitlose Stücke können auch „auf Reserve“ und ohne Abgabedruck entstehen. Umgekehrt erlebe ich aber in sozialen Einrichtungen oft große Zeitnot. Es stört mich, wenn Sie mir unterstellen, es müsse alles schnell gehen – aber selbst zu gestresst sind, um von mir markierten Fakten im Text ordentlich zu prüfen oder meine Fragen zu beantworten.
  4. Sie haben ein Recht am eigenen Wort und Bild.
    Ihre Klienten auch. Aber: Sie haben nicht das Recht am Wort und Bild Ihrer Klienten. Sie können sie beraten, gerne auch den Kontakt zwischen Journalisten und Ihren Klienten herstellen oder sogar begleiten. Aber Sie können zum Beispiel keine Bilder oder Zitate Ihrer Klienten zurücknehmen, denen diese bereits zugestimmt haben – erst recht nicht, weil Ihre Einrichtung dabei vermeintlich schlecht wegkommt, weil Ihnen die Tapete im Hintergrund eines Bildes nicht gefällt oder Sie Fotos im Querformat schöner finden als im Hochformat. Denn das ist dann Werbung beziehungsweise gezieltes Marketing und kein Journalismus mehr. Vermeiden Sie Ärger mit Journalisten, indem Sie diese Regel akzeptieren – oder ganz einfach selbst Pressebilder und Zitate zur Verfügung stellen.
  5. Nutzen Sie die Kommentarfunktion.
    Ihrem Gegenüber muss immer verständlich sein, was sie mit Änderungsvorschlägen im Text bezwecken. Wenn Sie Kleinigkeiten direkt im Text korrigieren, stellen Sie die „Überarbeiten“-Funktion ein oder Sie markieren die korrigierten Stellen im Text farbig. Auf keinen Fall sollten Sie Text verändern oder streichen, ohne dies zu kennzeichnen, denn das führt zu Chaos. Sobald Sie merken, dass Ihre Kommentare sich einer außenstehenden Person nicht von selbst erklären: lieber telefonieren.
  6. Sie arbeiten gern im Team? Wunderbar.
    Für unsere Zusammenarbeit wäre es jedoch von Vorteil, wenn man das den überarbeiteten Texten nicht anmerkt. Wenn Sie also mit mehreren Person in einem Dokument arbeiten, sorgen Sie bitte dafür, dass Anmerkungen, Korrekturen und Kommentare „aus einem Guss“ sind, bevor ich Sie bekomme. Ganz schwierig sind für mich Kommentare verschiedener Personen, die sich widersprechen oder (rhetorische) Fragen aufwerfen, die ich nicht beantworten kann, also in einer erneuten Korrekturschleife wieder an Sie a geben muss. Idealerweise gestalten Sie auch die Vor- und Nacharbeit mit Ihren Klienten so, dass Journalisten möglichst wenig davon mitbekommen.
  7. Wenn Sie einem Journalisten diese Frage stellen: „Wie empfindlich sind Sie, wenn’s um Ihre Texte geht?“, dann sind Sie schon auf der ganz, ganz falschen Spur.

Habe ich was vergessen? Die Liste darf gern ergänzt werden …

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