„Selbst betroffen“ als Sozialarbeiter – wie gehe ich damit um? Interview mit Marc Kummer

Ertappt! Schon wieder erwische ich mich selbst dabei, wie ich einen Zeitschriftenartikel über Alleinerziehende schreibe. Dabei bin ich selbst alleinerziehend. Eigentlich ist das ein Problem, allein schon wegen der journalistischen Neutralität. Jedes Mal ist es eine größere Reflexionsarbeit, solche Texte zu verfassen. Und doch kann ich nicht anders. Denn wenn ich nicht über das Alleinerziehen spreche, tun es andere (die keine Ahnung haben).

In meinem Masterstudium der Sozialen Arbeit bin ich der Versuchung ausgewichen, Hausarbeiten über das Alleinerziehen zu schreiben. Es war zu anstrengend. Aber da gab es den übergewichtigen Kommilitonen, der über Adipositas forschte, das Migrantenkind, das heute über Jugendliche mit Migrationserfahrung forscht und lehrt, die Alleinerziehende, die als Sozialarbeiterin andere Single-Eltern mit unfassbarem Engagement berät und daran fast selbst zerbricht, den jungen Mann im Rollstuhl, der seinen Job in der Immobilienbranche aufgab, um Heilpädagoge zu werden und sein Thema, Behinderung, in den Mittelpunkt zu stellen.

Als ich schließlich über Facebook auf Marc Kummer stieß, den früheren suchtkranken Coach, Sozialunternehmer und Sozialarbeiter vom Bodensee, war es Zeit, das Thema zu beackern: Wie geht man als Sozialarbeiter oder auch als Kreativer verantwortungsvoll mit seinem Lebenthema um? Ein Interview.

marc-kummerMarc, war deine frühere Sucht der Grund für dich, Soziale Arbeit zu studieren?

Marc Kummer: Nein, mein eigentlicher Motor war es nicht. Ich war früher drogenabhängig mit Heroin, Alkohol, Kokain. Nach dem Entzug hatte ich eine berufliche Orientierungsphase, die therapeutisch begleitet wurde. Klar war, dass ich nicht mehr zurück in meinen alten Beruf als Lacklaborant wollte. Ich wollte mit Menschen arbeiten, aber nicht – wie andere ehemalige Suchterkrankte – als Therapeut zurück in die Therapieklinik. Aber ich habe meine eigenen Erfolge während der Therapie reflektiert, das war mein Schlüsselmoment. Über das Landratsamt finanziert konnte ich dann ein Jahr lang ein Praktikum machen. Ich war Praktikant in einer Praxis für Ergotherapie, später im Jugendzentrum, um herauszufinden, ob ich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten kann. Dann habe ich Soziale Arbeit studiert.

Welche Rolle spielt das Thema Sucht in deiner Arbeit?

Mit meinem Arbeitsalltag hat es erst einmal gar nichts zu tun. Ich bin Coach und mache Schulungen für Sozialarbeiter im medienpädagogischen Bereich. Aber trotzdem schwingt das Thema immer mit. Und sei es nur, dass ich ein Paar coache, bei dem ein Partner als Kind von seinen suchterkrankten Eltern beeinflusst wurde. Aber auch im Urlaub ging es mir kürzlich so: Silvester habe ich in Marokko gefeiert. Da stand ganz selbstverständlich eine Flasche Wein im Hotelzimmer, weil man dort davon ausgeht, dass Europäer Alkohol trinken.

Das Thema Sucht ist immer präsent?

Richtig, ich halte das Thema quasi lauwarm. Und definiere mich permanent immer wieder als Süchtiger. Zum Beispiel, indem ich eine Selbsthilfegruppe leite. Auch während des Studiums habe ich mal versucht, eine Hausarbeit darüber zu schreiben. Aber es ist schwierig, Klient und gleichzeitig Betroffener zu sein. Wenn du das als fachlich qualifizierter Sozialarbeiter machst, musst du immer wieder zwischen diesen Rollen immer wieder switchen. Ich denke, jemand der suchtkrank war, sollte nicht unbedingt in der Suchthilfe arbeiten.

Aber das gibt es ja oft in der Sozialen Arbeit, dass Betroffene zu Fachkräften werden und an ihrem eigenen Lebensthema arbeiten. Denkst du, es gibt einen Weg, damit professionell umzugehen? Oder sollte man die Finger davon lassen? 

Mein Erleben ist: Es gibt in der Suchthilfe superprofessionelle Arbeit von früheren Betroffenen, die zu Fachkräften wurden. Aber es bedarf eines vielfach höheren Maßes an Selbstreflektion. Und manchmal funktioniert die Arbeit mit den Klienten dann nicht mehr auf Augenhöhe. Ich kenne Leute, die machen das seit 30 Jahren und es klappt sehr gut. Aber ich kenne auch welche, die sich voll in die Tasche lügen.

Du trittst öffentlich als Experte zum Thema Sucht auf, zum Beispiel in deinem Podcast Sozifon

Ich werde auch immer wieder angefragt, zum Beispiel für Podiumsdiskussionen. Man weiß ja, dass es so läuft, die brauchen halt einen ehemaligen Suchtkranken, der seine Story erzählt. Lange habe ich das gern gemacht. Aber ich merke, dass ich einen emotionalen Preis zahle. Wieso muss ich mir das antun? Es ist scheißegal, ob du einen Bachelor hast oder einen Master – du trittst dann nur als ehemaliger Suchtkranker auf. Dabei ist die Sucht nicht mein Alleinstellungsmerkmal, sie gibt nicht meine Kompetenz wieder. Ich bin in anderen Sachen eher Experte, als in dem.

Nervt es dich?

Nein, es nervt nicht. Es ist mein Lebensthema. Aber nicht die Sucht, sondern die Frage: Was steht dahinter? Was hat mich zum Trinken gebracht? Am liebsten beschäftige ich mich mit der Motivation. Denn wichtig ist, dass ich weiß, warum ich etwas tue. Warum ich jemanden schlecht behandle. Oder mich selbst. Oder in meinem Fall: Warum ich mich von etwas abhängig mache – und wie es schaffe, unabhängig, selbständig zu sein, in vielen Beziehungen. Das ist die Verbindung zu meiner Arbeit. Es lassen sich daraus gute Parallelen ziehen, genauso wie aus der Wissenschaft.

Ich habe einen Bekannten, der Spina Bifida hat, Rollstuhl fährt und immer wieder thematisieren will, ja muss, welche absurden Begegnungen er durch seine Behinderung manchmal macht. Bei mir ist das Alleinerziehen sehr präsent, auch mit der Frage: Wie viel Verantwortung trage ich selbst für mein Leben, was kann ich von der Gesellschaft erwarten? Wir haben im Spaß mal überlegt, gemeinsam über unsere Erfahrungen zu schreiben und Parallelen zu ziehen. Wärst du auch dabei?

Ja, das ist eine gute Idee. Komm, lass uns ein Buch schreiben! Die Themen sind durchaus vergleichbar. Als ich im letzten Jahr mit meinem Podcast begonnen habe, genoss ich es regelrecht, dass das Thema Sucht wieder in mein Leben kam. Wenn man täglich podcastet, kann man die Themen ja nicht tief behandeln. Aber mit der Sucht als Anreißer konnte ich viele Querverbindungen herstellen. Das hat zu einem gewissen Erfolg beigetragen. Manche Menschen hat es verwirrt, dass ich so offen damit umging. Ich wohne ja hier im konservativen Oberschwaben und war auch Arbeitgebern gegenüber immer sehr offen. Die wussten in Honorarverträgen oft gar nicht, wie sie damit umgehen sollten. Aber für mich ist das wichtig: Zu sagen, wer ich bin.

Ich will nicht süchtig sein, das ist ein spürbares Defizit. Aber ich bin es nunmal. Und ich kann es für mich selbst nutzbringend und positiv einsetzen. Dass ich das sagen, schreiben oder in ein Podcast verpacken kann, dass ich der Welt meine Botschaft vermitteln kann – das ist doch ein Geschenk!

Zur Website von Marc Kummer: www.entwicklungsbuero.org

Zum seinem Podcast: Sozifon

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