Wie ich „kreative Tiefe“ für mich entdeckte

Mein Beitrag zur Blogparade #Personalbrandmix von Dr. Kerstin Hoffmann

Als ich ein Kind war, lästerte man gern über „Töpfern in der Toskana“. Der Hieb ging meist in Richtung mittelalter Frauen, denen nach einer turbulenten Familienphase oder gar Scheidung der Weg zurück in den Beruf verwehrt blieb und die – um sich selbst wiederzufinden – nun einer Reihe von Hobbys nachgingen.

Wie Töpfern in der Toskana, zum Beispiel.

Ein bisschen so habe ich mich auch gefühlt, als ich Anfang des Jahres begann, mich mit „Personal Branding“ auseinanderzusetzen: Ich bin mittelalt. Meine Familienphase hat sich nach zwölf Jahren so weit entspannt, dass ich jetzt wieder einfach so abends ins Theater gehen kann, meine Tochter bringt sich selbst ins Bett. Ich muss auch nicht mehr auf jeden Pfennig achten.

Die letzten Jahre sind im Flug vergangen und ohne es zu merken, bin ich auf der Maslowschen Bedürfnispyramide nach oben gekraxelt, bis zur vorletzten Stufe, dem Bedürfnis nach „Selbstverwirklichung“.

Danach kommt nur noch „Transzendenz“.

Personalbranding2

Aber egal, ich habe das komische Gefühl weggeschoben, dass ich jetzt alt bin, weil ich um mich selbst kreise, und mich ernsthaft auf Literatur und Webinare zum „Personal Branding“ eingelassen.

Ich habe versucht, mich als Marke zu definieren – auch, weil ich es immer so spannend fand, wenn unsere Kunden diesen Prozess erlebten. Dabei bin ich nicht systematisch vorgegangen und der Prozess ist längst nicht abgeschlossen. Aber ich habe durch die Definition meiner eigenen Werte einen Kompass gefunden, der mir jetzt hilft, in einer turbulenten Zeit den richtigen Weg zu gehen. Oder vielmehr: einen selbstbestimmten Weg, auf dem ich selbst Entscheidungen treffe und mich nicht von den Ereignissen überrollen lasse.

Warum ein Artikel über „Personal Branding“?

Diesen Beitrag schreibe ich, weil „PR Doktor“ Dr. Kerstin Hoffmann ihre Webparade #Personalbrandmix 2020 neu aufgelegt hat. Ihre Idee ist, dass gerade in Zeiten der Krise persönliche Beziehungen in sozialen Netzwerken eine größere Rolle spielen, denn je – man trifft sich nicht, man berührt sich nicht, also darf, soll, muss die digitale Kommunikation einen Tick persönlicher werden.

Aber wo ist die Grenze zwischen privat und persönlich? Wie viel Persönlichkeit braucht und verträgt professionelle Kommunikation? Das interessiert mich. Deshalb will ich zur Blogparade beitragen und ein paar der Fragen von Dr. Kerstin Hoffmann hier beantworten:

Was ist das Ziel meines „Personal Brandings“?

Ich bin, wie schon geschrieben, mittendrin. Mein Prozess ist ziemlich bauchgesteuert und dank Corona weiß ich jetzt noch nicht, wo ich beruflich in einem Jahr sein werde: angestellt, selbständig oder beides? Deshalb fällt es mir schwer, konkrete Ziele meines Personal Brandings zu benennen wie „Kundenbeziehungen pflegen“ oder „Markenbotschafterin sein“. Was mich antreibt, ist einfach eine Mischung aus Neugier, Experimentierwille, dem Wunsch, mich fachlich weiterzuentwickeln (dafür dient dieses Blog), Kommunikation besser zu verstehen und Kunden hinsichtlich aktueller Trends und Themen beraten zu können.

Der Auslöser für mein „Personal Branding“ war das Gefühl, dass meine berufliche Situation als Texterin und Konzepterin in einer Vollzeit-Anstellung nicht mehr zu 100 Prozent stimmig war und ich etwas verändern wollte. Dafür musste ich mir klarer werden, wer ich bin und was mich ausmacht.

Was macht meine Personenmarke aus, was prägt mich, welche Werte sind für mich entscheidend?

Die entscheidenden Werte sind für mich Kreativität, Unabhängigkeit und Tiefe.

Mit „Kreativität“ habe ich mich selbst ein wenig überrascht. Ich wusste zwar, dass ich die Momente am liebsten mag, wenn sich der Boden auftut, Chaos herrscht und daraus Neues entsteht, und als Texterin habe ich natürlich einen „kreativen“ Job. Aber Kreativität heißt mehr, als in einer Werbeagentur zu arbeiten.

Es heißt zum Beispiel, dem Bauchgefühl mehr Stellenwert zu geben, es zu trainieren – und darauf stolz zu sein! Es heißt, spielerisch zu sein und offen für Neues, auch auf die Gefahr hin, dass (finanzielle) Unsicherheit entsteht.

Im März diesen Jahres sprach ich mit einem Verwandten, der Konrektor, also Beamter ist. Es ging darum, dass ich meine Arbeitszeit „auf Probe“ reduziert hatte – und das fehlende Einkommen kurzerhand mit einem Lehrauftrag kompensierte, der sich zufällig ergab. Ich fand das super spannend. Er so: „Also ich könnte das nicht. Ich bin froh, wenn meine Abläufe immer möglichst gleich sind. Das ist auch effizienter.“ Da fiel mir wieder ein, warum ich nie Lehrerin werden wollte: Weil ich Neues schaffen will – und nicht erhalten. Das hatte ich schon mit 16 Jahren für mich so formuliert.

  • Ich habe mit zwölf Jahren noch im Sandkasten gespielt und es war mir nicht peinlich
  • Im Mathe-Abi holte ich 9 Punkte, davon mindestens die Hälfte rein intuitiv, ohne die Lösungen rational herleiten zu können
  • Ich bin oft blind für Hierarchien und Regeln, habe aber das Glück, dass man es mir nicht ansieht
  • Ich baue gern Dinge mit meinen Händen, wie ein Gartenhaus oder Kaninchengehege
  • Oft spüre ich Emotionen und Konflikte, auch wenn sie unausgesprochen sind, und das wirkt sich körperlich auf mich aus

Warum war mir früher nicht klar, dass ich eine „Kreative“ bin?

Zum 38. Geburtstag habe ich mir ein Ping Pong-Spiel gewünscht und bin damit sehr glücklich. Das Leben kann so schön sein, einfach nur mit Ping und Pong. Ich kann es nicht genau erklären, aber die unbedarfte Freude am Spiel gehört zum Wert „Kreativität“ unbedingt dazu.

pingpong

Was ist meine zentrale Kommunikationsplattform? Welche sozialen Kanäle nutze ich – wie, zu welchem Zweck, mit welchen Inhalten?

Meine zentrale Kommunikationsplattform ist dieses Blog. Es ist seit Jahren eine Spielwiese, um auszuprobieren, interessante Menschen zu interviewen und mich selbst weiterzuentwickeln. Eine Strategie dahinter gibt es – noch – nicht, ich habe auch nicht die Muße, mich mit Content Planung auseinanderzusetzen. Wenn mich ein Thema packt, dann blogge ich. Aber in meinem „Personal Branding Prozess“ habe ich zwei, drei Themen definiert, zu denen ich in diesem Jahr gezielt Inhalte schaffen will. Weil sie mich beflügeln und weil ich will, dass andere sie mir zuordnen. Um langfristig die Aufträge und Projekte zu bekommen, die wirklich zu mir passen.

Als soziales Netzwerk nutze ich seit vielen Jahren Facebook, dies allerdings hauptsächlich privat. Für den professionellen Austausch habe ich jetzt LinkedIn entdeckt. Dort poste ich nur Themen, die ins Arbeitsumfeld passen. Eine Ausnahme war ein Beitrag kürzlich zum Alleinerziehen – wobei dieser auf das Arbeitsleben bezogen war, „Wie es ist, im Job alleinerziehend zu sein“.

Welche Bedenken hatte oder habe ich – und wie gehe ich damit um?

Angestellt sein und gleichzeitig ein eigenes Blog zu haben, mich mit eigenen Themen öffentlich zu zeigen – das war immer mal wieder ein seltsames Gefühl. Ich habe mit keinem meiner Arbeitgeber darüber gesprochen. Einerseits war mir das so auch lieber, bevor noch einer auf die Idee kommt, bei den Inhalten mitreden zu wollen.

Andererseits habe ich mich immer wieder gefragt, wo und wie sehr ich kenntlich machen soll, wer mein Arbeitgeber ist. Will der das? Oder ist mein Bloggen zu persönlich und unprofessionell? Sind meine Themen zu weit weg von denen meines Arbeitgebers? Könnten wir beide davon profitieren, wenn unsere Arbeitsbeziehung stärker im Fokus stünde und ich – zumindest auch – als Markenbotschafterin bloggen würde? Vielleicht mache ich dies von vornherein zum Thema, sollte ich wieder einmal den Arbeitgeber wechseln. Vorher lese ich aber noch das Markenbotschafter-Buch von Dr. Kerstin Hoffmann.

Wie ganzheitlich soll ich mich zeigen? 

Zweitens frage ich mich immer wieder: Wie persönlich soll es denn nun wirklich sein? Beziehungsweise, wie privat? Wo muss ich meine Familie schützen, vielleicht auch mich selbst? Und – damit verbunden – wie kritisch und politisch darf es sein? Jeder gute Smalltalk-Ratgeber rät, Politisches auszuklammern. Neulich bekam ich den guten Tipp, mir einige Themen zu suchen, die Spaß machen und über die ich mit Leichtigkeit smalltalken kann, ohne dass Gespräche in Tiefgründigkeit abdriften – denn dazu neige ich, was insbesondere bei Tinder-Dates schwierig sein kann …

Und andererseits: Ich bin Soziologin. Und Sozialarbeiterin. Ich habe das „Kritisch-Sein“ studiert! Das kriegt man so schnell nicht mehr weg. Wieso an der Oberfläche kratzen, wenn man sich tiefgründig mit Kommunikation oder Fragen der modernen Arbeitswelt auseinandersetzen kann? Das ist es schließlich, was mich interessiert – und es ist auch beruflich relevant, denn wer will heute noch oberflächlichen Werbekram lesen?

Was bringt mir ein „Personal Branding“, wenn ich nur einen Teil von mir zeige – die Texterin – und so viel anderes weglasse? Vielleicht würde das helfen, Aufträge zu generieren. Aber ich will Kommunikation, Austausch schaffen und etwas bewirken. Ein Beispiel: Ich bin seit vielen Jahren alleinerziehend, das hat mich in vieler Hinsicht stark und selbstbewusst gemacht. Aber es gibt viele Ungerechtigkeiten. Unser Politik- und Steuersystem ist nicht darauf ausgerichtet, dass heute jede fünfte Familie eine Single-Eltern-Familie ist. Das ist ein kompliziertes, unsexy Thema. Schwer zu verstehen.

Aber wenn sich etwas ändern soll, muss es verstanden werden! Auch von Kollegen und Arbeitgebern. Deshalb habe ich in letzter Zeit doch immer wieder entschieden, über das Alleinerziehend zu bloggen oder es einfließen zu lassen. Auch, damit es „richtig“ und sympathisch kommuniziert wird. Auch hier war der Treiber mein Bauchgefühl.

Richtig oder falsch? In dem Fall weiß ich es wirklich nicht. Was meint ihr?

Photo by Jelena Ardila Vetrovec on Unsplash

 

5 Antworten auf “Wie ich „kreative Tiefe“ für mich entdeckte”

  1. Auch interessant: Wieviel gebe ich im öffentlichen Raum preis, was bleibt privat, worüber schreibe ich – und in welcher Form? Offenheit kann den Austausch mit anderen vertiefen, exponiert aber auch und macht angreifbar. Gerade als Autor/in ein interessantes Spannungsfeld, finde ich!

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      1. Liebe Rebekka, mir war von Beginn an wichtig, persönliche Texte zu veröffentlichen, die dennoch eine gewisse Allgemeingültigkeit und hoffentlich einen „Mehrwert“ für andere haben. Also kein intimes „Tagebuch“. Ich bin mir sehr bewusst, welche Verantwortung ich habe, wenn ich z.B. über meinen Sohn oder dessen Papa schreibe. In der Form, in der ich das tue, ist das meines Wissens nach auch okay für die mir nahen Menschen (wobei ich für meinen Sohn, der erst vier ist, aktuell noch mitentscheide). Lg, Sarah

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