„Wir wollen Ohnmacht in Kampfgeist verwandeln!“

Wie wirkt sich Corona auf Klient*innen und den Berufsalltag in der Sozialen Arbeit aus? Davon sollen Sozialarbeiter*innen unter dem Slogan #dauerhaft.systemrelevant in den sozialen Netzwerken erzählen. Barbara Stadler vom Deutschen Berufsverband der Sozialen Arbeit (DBSH) hat die Kampagne mit ins Leben gerufen. Im Interview erzählt sie, was sie erreichen will – und wie Sozialarbeiter*innen ganz einfach mitmachen können.

Barbara, worum geht es in eurer Kampagne?

Barbara Stadler: Zunächst einmal darum, dass die Soziale Arbeit während der Corona-Pandemie gesehen wird – von den Medien und von der Öffentlichkeit. Wir haben die Kampagne im März zu elft initiiert. Wir alle hatten das Gefühl, dass die Soziale Arbeit in der medialen Debatte um Corona praktisch unsichtbar ist.

Hast du ein Beispiel?

Ja, die Krankenhäuser. Dort arbeiten nämlich drei Berufsgruppen: Ärzt*innen, Pfleger*innen und Sozialarbeiter*innen, die sich darum kümmern, was passiert, wenn Patient*innen wieder entlassen werden. Gibt es ein stabiles Zuhause? Muss der*die Patient*in in eine Reha-Maßnahme?

Gerade jetzt, während Corona, haben die Sozialdienste zum einen durch gute Entlassorganisation wesentlich mit dazu beigetragen, dass freie Betten für den Worst Case zur Verfügung standen – und zum andern viele Sorgen und Nöte abgefangen. Der Kontakt zur Außenwelt war ja völlig abgebrochen, oft hat bei älteren Menschen nicht einmal das Telefonieren geklappt. Viele Sozialarbeitende arbeiteten völlig ungeschützt, weil es nicht genügend Masken und noch keine Schutzkonzepte gab. Aber das wurde von der Bevölkerung und in den Medien nicht gesehen. Geklatscht wurde für Ärzt*innen und Pflegekräfte.

Ein Motiv der Kampagne #dauerhaft.systemrelevant

Nun kann man erwidern, dass es viele wichtige Berufsgruppen gibt und nicht alle in jedem Zeitungsartikel aufgezählt werden können. Außerdem gibt es in Krankenhäusern einfach mehr Pflegekräfte als Sozialarbeiter*innen.

Ist es nicht logisch, dass die Pflegenden stärker im Fokus standen?

Es ist gerade ein Teil unseres Problems, dass wir Sozialarbeitende oft allein sind. Unsere Stellenschlüssel sind häufig so gering, dass zum Beispiel auf einer Station im Krankenhaus eine „halbe Sozialarbeiterin“ arbeitet. Da ist es klar, dass andere Berufsgruppen lauter sind und stärker wahrgenommen werden.

Allerdings geht es uns nicht darum, für wen stärker applaudiert wird, sondern darum, dass sich die Arbeitsbedingungen für alle sozial relevanten Berufe langfristig verbessern! Für mich persönlich war es irritierend, diese Aktionen zu sehen, bei denen auf den Balkonen applaudiert und geklatscht wurde. Einerseits ist es eine schöne Geste. Und andererseits denkt man: „Für den Moment ist man relevant, aber was passiert, wenn die Corona-Zeit vorbei ist?“

Wie geht es Sozialarbeitenden während der Corona-Pandemie?

Es fehlt an ganz grundsätzlichen Arbeitsmitteln wie Schutzkleidung oder in vielen Bereichen an Laptops, um online arbeiten zu können. Die Unterkünfte für Obdachlose oder Geflüchtete sind noch problematischer als bisher. Ehrenamtliche Helfer*innen müssen zu Hause bleiben, so dass deren Aufgaben mit aufgefangen werden mussten. Es gibt keine ausreichenden Schutz- oder Quarantänekonzepte – beziehungsweise keine Stellendeputate für diejenigen, die sie jetzt entwickeln müssten.

Eine Kollegin arbeitet zum Beispiel in einer Geflüchteten-Unterkunft. Zu Beginn der Pandemie erklärte ihre Vorgesetzte: „Wenn bei uns ein Corona-Verdachtsfall ausbricht, müsst ihr alle in Quarantäne einziehen.“ Einfach so. Klar, am Anfang waren alle verunsichert, überfordert und die Vorgesetzte wollte sicherstellen, dass die Geflüchteten versorgt sind. Aber auch Sozialarbeitende haben Verpflichtungen, Kinder, Angehörige.

Viele setzen sich dem Risiko aus, weil unsere Arbeit gebraucht wird. Aber Corona macht noch deutlicher, wie prekär unsere Arbeitsbedingungen ohnehin schon sind. Ich denke, dass viele Sozialarbeitende sich ohnmächtig fühlen, wenn sie darüber nachdenken, wie es ihren Adressat*innen in der sozialen Isolation geht. Diese Kraft wollen wir in etwas Positives umwandeln, in politischen Kampfgeist, um etwas am System zu verändern.

Woher müssten die fehlenden Arbeitsmittel kommen?

Ganz klar, vom Staat. Genauso wie das Geld für VW und Lufthansa auch. Wir haben als Sozialarbeitende einen gesetzlichen Auftrag und deshalb muss uns die Politik dabei unterstützen, dass wir professionell arbeiten können.

Ein Kampagnen-Motiv von #dauerhaft.systemrelevant

Welche Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit sind jetzt während Corona besonders wichtig – und welche können mal für eine Zeitlang in den Shutdown gehen?

Ich denke zum Beispiel an Kinder aus prekären Verhältnissen, die normalerweise Tag für Tag direkt nach der Schule ins Jugendzentrum kommen und nur zum Schlafen nach Hause gehen – aufgrund von Platzmangel, Gewalt, Missbrauch. Diese Kinder sind jetzt zu Hause und wir wissen noch nicht, welche Folgen das haben wird. Sicher ist, dass es jetzt weniger Meldungen beim Jugendamt gibt, weil die Einrichtungen geschlossen sind.

Viele Jugenzentren und Beratungsstellen haben zu Beginn von Corona sehr schnell und kreativ auf Apps, Messenger oder telefonische Beratung umgestellt. Aber auf Dauer kann das eine Face to Face-Situation nicht ersetzen, denn Soziale Arbeit ist Beziehungsarbeit und hat viel mit Vertrauen zu tun. Außerdem haben wir Adressat*innen, die ihre Probleme gar nicht in Worte fassen können. Da ist der persönliche Kontakt unersetzbar. Auch Soziale Arbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe, in Hospizen, Frauenhäusern, der Obdachlosenhilfe, im betreuten Wohnen für psychische kranke Erwachsene oder Menschen mit Behinderungen kann man nicht auf online umstellen.

Meiner Ansicht nach kann Soziale Arbeit gar nicht in den Shutdown gehen, weil es unser politischer Auftrag ist, sich jetzt um die Menschen zu kümmern, die es nicht aus eigener Kraft können. Corona ist schon für viele gesunde, wohlhabende Menschen eine Herausforderung: Viele haben eine Doppelbelastung durch Home Office mit Kindern, wirtschaftliche Einbußen, Sorge um Angehörigen und Angst vor Jobverlust. Aber wie ist es dann erst für diejenigen, die ohnehin schon am Rande der Gesellschaft stehen? Die psychisch krank sind, die auf der Straße leben, bei denen es um Leben und Tod geht?

Was passiert jetzt genau in der Kampagne #dauerhaft.systemrelevant? Und wie können Interessierte mitmachen?

Mitmachen können alle Sozialarbeitenden ganz einfach, indem sie uns ihre Corona-Geschichten schicken. Wie sind ihre Arbeitsbedingungen? Was passiert mit den Klient*innen? Diese Geschichten posten wir auf unserer Landingpage und Facebook – auf Wunsch anonym, gerne aber mit Namen und Bild, denn wir wollen der Sozialen Arbeit ein Gesicht geben. Ich glaube, dass Soziale Arbeit für viele Menschen schwer zu greifen ist, weil es ein so breiter, vielfältiger Bereich ist. Da ist es wichtig, Beispiele zu haben.

Außerdem machen wir Pressearbeit, filtern Medien danach, wie präsent die Soziale Arbeit ist und kontaktieren Journalist*innen. Die Artikel posten wir in unserem Telegram-Kanal, damit sie von vielen gesehen und kommentiert werden können.

Wichtig ist, dass wir bewusst offen für alle sind: Man muss kein DBSH-Mitglied sein, um an der Kampagne mitzuarbeiten. Wir wollen Bündnisse und Netzwerke schaffen, um gemeinsam einen starken Arbeitskampf zu machen. Das kann eine Gewerkschaft nicht alleine. Die Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen (DVSG) hat sich schon frühzeitig der Kampagne angeschlossen und wir suchen den Schulterschluss mit den Verbänden – Caritas, Diakonie, Paritätischer Wohlfahrtsverband, Verdi.

Die Macher der Kampagne #dauerhaft.systemrelevant
Die Macher*innen der Kampagne #dauerhaft.systemrelevant

Vielleicht irre ich mich – aber ich habe den DBSH mit einer solchen Kampagnen-Kommunikation in den Sozialen Netzwerken bislang nicht wahrgenommen. Verändert sich eure PR? Wird sie digitaler, emotionaler?

Die Kampagne #dauerhaft.systemrelevant ist neu und jung. Situationsbedingt arbeiten wir online und über ganz Deutschland verteilt, das ist ein sehr schnelles und effektives Arbeiten. Dass wir in die Sozialen Medien wollen, war uns von Anfang an klar, aufgrund der breiten Zielgruppe, die wir erreichen wollen. Der junge DBSH und einzelne Landesverbände sind schon länger auf Facebook aktiv und wir bauen mit der Kampagne auf die Infrastruktur und Erfahrungen des Verbandes. Aber ja, es ist definitiv ein Ziel, dass der DBSH auch außerhalb der Kampagne noch digitaler wird.

Wie beurteilst du allgemein die Öffentlichkeitsarbeit der Sozialen Arbeit? Tut sie genug, um ihr eigenes Image zu stärken? Was braucht es noch, um gute Arbeitsbedingungen zu legitimieren?

Ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Zwar hatte ich selbst weder im Bachelor- noch im Masterstudium Seminare zur Öffentlichkeitsarbeit, aber ich weiß, dass das an anderen Hochschulen der Fall ist und viele soziale Organisationen eine professionelle PR machen. Was es noch braucht, ist eine starke Lobby, mehr Menschen, die in Gewerkschaften eintreten, um Aufmerksamkeit zu schaffen und eine Prioritätenverschiebung weg von der Wirtschaft hin zum Sozialen.

Soziale Probleme können jeden treffen. Den Nachbar, der ein Suchtproblem hat. Die Schwester, die alleinerziehend ist. Oder einen selbst. Es geht um die Frage, wie wir zusammenleben wollen.

Mitmachen ist einfach!

Hier findest du die Kampagne #dauerhaft.systemrelevant auf Facebook, bei Twitter, auf Instagram und mit der Landingpage www.dauerhaft-systemrelevant.de. Gern kannst du dich beteiligen und deine eigene Geschichte aus der Sozialen Arbeit zu Corona teilen.

2 Antworten auf “„Wir wollen Ohnmacht in Kampfgeist verwandeln!“”

  1. Tolle Aktion!
    Die DVSG ist gerne mit Denise Lehmann mit dabei.
    Wir wollen gemeinsam möglichst viele Kolleginnen und Kollegen erreichen und darüber hinaus alle, die sich über die Soziale Arbeit bislang wenig bewusst sind.
    Franz Begher
    Vorstandsmitglied DVSG

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